🐦 Die Henne, die zu viel betete (Kamerun, Bamiléké)
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Afrikanischer Humor ist reich, tief und oft sehr clever.
Er spielt mit Ironie, Tiergeschichten, Doppeldeutigkeiten, und moralischen Umkehrungen, bei denen der Dumme meist der Schlaue ist.
🐦 Die Henne, die zu viel betete
Herkunft: Kamerun (Bamiléké)
Thema: Frömmigkeit, Verantwortung, Witz
Es war einmal eine Henne, die so fromm war, dass sie den ganzen Tag betete.
Sie betete morgens für Sonne, mittags für Regen, abends für Würmer – und vergaß dabei, ihre Küken zu füttern.
Als der Fuchs kam, betete sie:
„Oh Himmel, beschütze meine Kinder!“
Der Himmel antwortete: „Ich schicke dir Flügel – aber du hast sie schon.“
Die Henne rannte los, doch der Fuchs war schneller.
Er fraß ihr das schönste Küken – und die Henne sagte seufzend:
„Vielleicht wollte der Himmel es direkt zu sich nehmen.“
👉🏽 Moral: Wer zu viel in den Himmel schaut, stolpert über den Hof.
→ Eine fromme Henne verliert vor lauter Gebet ihre Küken.
Hintergrund zur Geschichte
Diese Fabel stammt aus der Folklore der Bamiléké in Kamerun 🇨🇲 (Zentralafrika).
Kultureller Kontext: Weisheit und Pragmatismus
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Bamiléké-Kultur: Die Bamiléké sind bekannt für ihre reiche mündliche Tradition und ihre Betonung von Fleiß, praktischer Klugheit und sozialer Verantwortung.
- Fokus auf Handeln: Die Fabel steht exemplarisch für viele afrikanische Erzählungen, die pragmatisches Handeln über bloße Inaktivität oder mystische Spekulation stellen. Die Bamiléké legen Wert auf die Fähigkeit, das tägliche Leben erfolgreich zu meistern.
Das Thema: Frömmigkeit vs. Verantwortung
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Die satirische Kritik: Die Geschichte ist eine satirische Kritik an der fehlgeleiteten Frömmigkeit oder dem Übermaß an Spiritualität, das die praktischen Pflichten des Lebens vernachlässigt.
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Die Henne als Sinnbild: Die Henne (Mutterfigur) hat die wichtigste biologische und soziale Pflicht – die Pflege ihrer Nachkommen. Indem sie diese Pflicht ignoriert und stattdessen den ganzen Tag betet, wird sie zur Lachfigur.
- Die göttliche Antwort: Die Antwort des Himmels ("Ich schicke dir Flügel – aber du hast sie schon") ist der zentrale Witz. Er impliziert: "Ich habe dir die Werkzeuge gegeben (die Flügel/Füße zum Rennen), benutze sie! Glaube ohne Taten ist nutzlos."
Der Witz und die Moral
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Der Witz: Der humorvolle Höhepunkt liegt in der rationalisierten Rechtfertigung der Henne, nachdem sie ein Küken verloren hat ("Vielleicht wollte der Himmel es direkt zu sich nehmen."). Dies macht sich über Menschen lustig, die für ihre eigenen Fehler und Faulheit spirituelle Ausreden suchen, anstatt Verantwortung zu übernehmen.
- Die Moral: Die Moral "Wer zu viel in den Himmel schaut, stolpert über den Hof" fasst die pragmatische afrikanische Sichtweise perfekt zusammen: Man muss auf das achten, was direkt vor einem liegt. Die Konzentration auf himmlische oder ferne Angelegenheiten darf nicht dazu führen, dass man die irdischen Pflichten (die "Stolpersteine" auf dem Hof) vernachlässigt
👉🏽 Fazit zur Fabel
Die Geschichte ist eine scharfsinnige moralische Lektion der Bamiléké über die Notwendigkeit der Balance zwischen Glauben und praktischem Leben. Sie lehrt, dass Gott/die Götter denjenigen helfen, die sich selbst helfen (Aktion vor Kontemplation).
Links
- Die Bamileke: Kultur, Geschichte und Gesellschaft im Westen Kameruns
- Die Bamileke: Eine Kultur voller Stolz, Widerstandskraft und Geschichte
- Kamerun – Bücher und Accessoires aus dem Herzen Afrikas
Afrikanischer Humor ist ...
- nicht spöttisch, sondern weise
- nicht über andere, sondern über sich selbst
- nicht nur lustig, sondern lehrreich
Er kombiniert Gelächter, Philosophie und Moral – Lachen ist Erkenntnis.
Afrikanischer Humor lehrt immer doppelt:
👉🏽 Er lässt uns lachen – und denken.
Selbst die kleinste Figur kann die größte Lektion geben.
Afrikanischer Humor zeigt:
Selbst Tiere, Götter und Könige sind nicht vor sich selbst sicher –
und genau darin liegt seine Kraft: Er entwaffnet mit Lachen, nicht mit Spott.