🐢 Die Schildkröte und das Honigfass (Sierra Leone, Temne)
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Afrikanischer Humor ist reich, tief und oft sehr clever
Er spielt mit Ironie, Tiergeschichten, Doppeldeutigkeiten, und moralischen Umkehrungen, bei denen der Dumme meist der Schlaue ist.
🐢 Die Schildkröte und das Honigfass
Herkunft: Sierra Leone (Temne)
Thema: Gier, Selbstbeherrschung, Konsequenzen
Es war an einem besonders heißen Tag, als die Schildkröte gemütlich durch den Wald wanderte. Die Sonne brannte, die Luft war schwer, und alle Tiere suchten nach Schatten – doch die Schildkröte suchte nach etwas anderem: einem kleinen Genuss, einem Leckerbissen, der den Tag versüßen könnte.
Auf ihrem Weg entdeckte sie ein halbvolles Fass Honig, offenbar vergessen von Jägern oder vielleicht von Bienen bewacht, die irgendwo unterwegs waren. Der süße Duft schwebte durch die Luft und kitzelte die Nase der Schildkröte.
„Nur ein kleines bisschen…“, murmelte sie. „Ein ganz, ganz kleines bisschen. Schließlich wäre es schade, wenn dieser köstliche Honig verdirbt.“
Vorsichtig steckte sie den Kopf in das Fass, um zu kosten. Der Honig war warm, goldgelb und so süß, dass die Schildkröte die Augen schloss und genussvoll schmatzte. „Nur noch ein Tropfen… vielleicht zwei…“
Doch als sie den Kopf zurückziehen wollte, merkte sie es:
Sie steckte fest.
Zuerst zappelte sie leise. Dann ruckte sie energisch. Schließlich strampelte sie so laut, dass die Tiere des Waldes herbeigeeilt kamen – der Elefant, der Schakal, die Gazelle und sogar der kleine Webervogel.
„Was hast du denn gemacht, Schildkröte?“, fragte der Elefant mit einem Stirnrunzeln.
Aus dem Fass klang eine gedämpfte Stimme: „Nichts! Ich… äh… koste nur ein wenig."
Die Tiere versuchten zu ziehen. Erst leicht, dann kräftiger, bis der Elefant schließlich sagte: „Auf drei! Eins… zwei… drei!“
Mit einem lauten PLOPP! schoss der Kopf der Schildkröte aus dem Fass – bedeckt mit Honig von oben bis unten. Der Honig tropfte auf den Boden, auf ihre Beine und hinterließ eine süße Spur im Gras.
Alle lachten, und die Schildkröte schämte sich so sehr, dass sie am liebsten wieder im Fass verschwunden wäre.
Von diesem Tag an gaben die Tiere ihr einen neuen Namen:
„Die Süße mit der harten Lektion“.
Und die Schildkröte?
Sie lernte – zumindest für eine Weile – dass Gier nicht nur peinlich, sondern klebrig enden kann.
Moral der Geschichte:
Wer zu viel vom Guten will, verliert am Ende seine Würde – und seinen Appetit.
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Afrikanischer Humor ist ...
- nicht spöttisch, sondern weise
- nicht über andere, sondern über sich selbst
- nicht nur lustig, sondern lehrreich
Er kombiniert Gelächter, Philosophie und Moral – Lachen ist Erkenntnis.
Afrikanischer Humor lehrt immer doppelt:
👉🏽 Er lässt uns lachen – und denken.
Selbst die kleinste Figur kann die größte Lektion geben.
Afrikanischer Humor zeigt:
Selbst Tiere, Götter und Könige sind nicht vor sich selbst sicher –
und genau darin liegt seine Kraft: Er entwaffnet mit Lachen, nicht mit Spott.