„Wenn der Weise lacht, hat er etwas verstanden.“ (Yoruba-Sprichwort)

🐢 Die Schildkröte und das Honigfass (Sierra Leone, Temne)

Die Schildkröte und das Honigfass

Sierra Leone, Temne

Diese Temne-Fabel aus Sierra Leone erzählt mit trockenem Humor von Gier, Scham und Selbstüberschätzung – und davon, wie eine kleine Versuchung zur großen Blamage werden kann.

Moral der Geschichte: Wer zu viel will, verliert am Ende seine Würde.

Warum diese Geschichte mehr ist als nur lustig

Wie viele westafrikanische Tierfabeln verbindet auch diese Temne-Geschichte Humor mit sozialer Lehre. Sie macht nicht einfach nur Spaß, sondern zeigt mit feiner Ironie, wie schnell Gier in Lächerlichkeit umschlagen kann.

Gerade darin liegt die Stärke solcher Erzähltraditionen: Tiere handeln wie Menschen, übertreiben ihre Wünsche, verlieren das Maß – und machen dadurch sichtbar, was im Alltag oft verborgen bleibt. Die Schildkröte ist hier nicht bloß eine Figur, sondern ein Spiegel menschlicher Schwächen.

Die Fabel erinnert daran, dass Würde nicht im Besitz liegt, sondern im richtigen Maß. Wer sich von der Süße des Augenblicks blenden lässt, zahlt am Ende oft mit Scham.

Die Fabel: Die Schildkröte und das Honigfass

Es war an einem besonders heißen Tag, als die Schildkröte gemütlich durch den Wald wanderte. Die Sonne brannte, die Luft war schwer, und alle Tiere suchten nach Schatten – doch die Schildkröte suchte nach etwas anderem: einem kleinen Genuss, einem Leckerbissen, der den Tag versüßen könnte.

Auf ihrem Weg entdeckte sie ein halbvolles Fass Honig, offenbar vergessen von Jägern oder vielleicht von Bienen bewacht, die irgendwo unterwegs waren. Der süße Duft schwebte durch die Luft und kitzelte die Nase der Schildkröte.

„Nur ein kleines bisschen…“, murmelte sie. „Ein ganz, ganz kleines bisschen. Schließlich wäre es schade, wenn dieser köstliche Honig verdirbt.“

Vorsichtig steckte sie den Kopf in das Fass, um zu kosten. Der Honig war warm, goldgelb und so süß, dass die Schildkröte die Augen schloss und genussvoll schmatzte. „Nur noch ein Tropfen… vielleicht zwei…“

Doch als sie den Kopf zurückziehen wollte, merkte sie es:
Sie steckte fest.

Zuerst zappelte sie leise. Dann ruckte sie energisch. Schließlich strampelte sie so laut, dass die Tiere des Waldes herbeigeeilt kamen – der Elefant, der Schakal, die Gazelle und sogar der kleine Webervogel.

„Was hast du denn gemacht, Schildkröte?“, fragte der Elefant mit einem Stirnrunzeln.

Aus dem Fass klang eine gedämpfte Stimme: „Nichts! Ich… äh… koste nur ein wenig."

Die Tiere versuchten zu ziehen. Erst leicht, dann kräftiger, bis der Elefant schließlich sagte: „Auf drei! Eins… zwei… drei!“

Mit einem lauten PLOPP! schoss der Kopf der Schildkröte aus dem Fass – bedeckt mit Honig von oben bis unten. Der Honig tropfte auf den Boden, auf ihre Beine und hinterließ eine süße Spur im Gras.

Alle lachten, und die Schildkröte schämte sich so sehr, dass sie am liebsten wieder im Fass verschwunden wäre.

Von diesem Tag an gaben die Tiere ihr einen neuen Namen:
„Die Süße mit der harten Lektion“.

Und die Schildkröte?
Sie lernte – zumindest für eine Weile – dass Gier nicht nur peinlich, sondern klebrig enden kann.

Weiterführende Links

Humor, Weisheit und moralische Schärfe

Diese Temne-Fabel zeigt, dass Humor in vielen afrikanischen Erzähltraditionen mehr ist als bloße Unterhaltung. Er macht menschliche Schwächen sichtbar, ohne lange zu dozieren, und führt seine Figuren gerade durch Übertreibung, Peinlichkeit und plötzliche Wendungen zu einer klaren Einsicht.

Die Schildkröte wird nicht verspottet, weil sie klein oder töricht wäre, sondern weil sie das rechte Maß verliert. Genau darin liegt die Stärke solcher Fabeln: Sie lachen nicht einfach über andere, sondern entlarven Verhaltensweisen, die jedem vertraut sind – Gier, Selbsttäuschung und die Hoffnung, ungestraft zu viel nehmen zu können.

So verbindet diese Geschichte Witz mit sozialer Beobachtung und macht aus einem scheinbar kleinen Zwischenfall eine größere Lehre über Würde, Selbstbeherrschung und die Folgen maßlosen Verlangens.

 

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