🫏 Hmarat el-Quayla - Die Eselin der Mittagshitze (Marokko)
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Afrikanischer Humor ist reich, tief und oft sehr clever
Er spielt mit Ironie, Tiergeschichten, Doppeldeutigkeiten, und moralischen Umkehrungen, bei denen der Dumme meist der Schlaue ist.
🫏 Hmarat el-Quayla – Die Eselin der Mittagshitze
Wenn die Sonne über Marokko ihren höchsten Punkt erreicht und die Hitze so stark wird, dass selbst die Schatten flimmern, dann erzählen die Alten von Hmarat el-Quayla, der Eselin der Mittagshitze. Es ist die Stunde, in der selbst die Tiere Zuflucht suchen, die Brunnen schweigen und kein Kind draußen spielen sollte – denn die Welt gehört dann ihr.
Herkunft
Die Geschichte stammt aus dem marokkanischen Volksglauben, besonders verbreitet in den Regionen um Fès, Marrakech und im Rif-Gebirge. Sie wird bis heute in vielen Familien mündlich weitergegeben – meist von Großmüttern, die Kinder mit einem Lächeln und gleichzeitig warnend daran erinnern, zur Mittagszeit zuhause zu bleiben.
Die Fabel
Man erzählt, Hmarat el-Quayla erscheine nur, wenn der Himmel brennt und kein Laut mehr zu hören ist. In dieser Stunde kann ein Kind – neugierig, trotzig oder träumend – das Haus verlassen, um draußen zu spielen oder den Ziegen nachzuschauen.
Zuerst scheint alles still zu sein. Dann hört das Kind das Klackern von Hufen auf heißem Stein. Wenn es sich umdreht, sieht es eine Frau in einem zerrissenen weißen Kleid, barfuß, mit langem, verfilztem Haar. Ihr Gesicht ist halbschön, halbwild – die Augen glühen im Sonnenlicht. Doch als das Kind genauer hinsieht, erkennt es, dass ihre Beine keine menschlichen sind, sondern die Hinterläufe eines Esels.
Hmarat el-Quayla spricht mit sanfter Stimme, manchmal wie eine Mutter, manchmal wie eine Freundin. Sie ruft das Kind zu sich, mit Worten, die zugleich lockend und unheimlich klingen. Wer ihr folgt, wird nie zurückkehren, heißt es. Manche sagen, sie verschleppe Kinder in die Wüste, wo sie selbst zur Staubgestalt würden. Andere berichten, sie bringe den Wahnsinn – eine Strafe für jene, die zur falschen Stunde die Sonne herausfordern.
Moral der Geschichte
Der Sinn ist einfach, aber wirkungsvoll: Verlass zur Mittagszeit nicht das Haus. Die Geschichte schützt vor der gefährlichen Mittagssonne, die im Maghreb schnell zu Dehydrierung oder Hitzschlag führen kann. Durch die Figur der Hmarat el-Quayla wurde aus einer klassischen Gesundheitsregel eine unvergessliche, emotionsgeladene Warnung – eine Form der Volkspsychologie mit Poesie.
Hintergrund und Symbolik
In der nordafrikanischen Kultur steht die Mittagszeit für eine Schwelle zwischen Welten – weder Tag noch Nacht, ein Moment, an dem die Grenzen zwischen Realität und dem Unsichtbaren dünner werden. Viele Mythen der Region kennen ähnliche Geisterwesen, die in dieser Zeit erscheinen, wenn der Mensch ruht und die Natur innehält.
Hmarat el-Quayla verkörpert zudem das Chaos und die Gefahr, die außerhalb gesellschaftlicher Ordnung lauern. Halb Mensch, halb Tier, erinnert sie an die uralten Mischwesen, die zwischen Zivilisation und Wildnis stehen. Sie ist Symbol einer Macht, die nicht besiegt, sondern respektiert werden muss.
Heute lebt die Legende vor allem in den Erzählungen älterer Generationen weiter – als Teil der reichen mündlichen Tradition Marokkos. Doch ihre Botschaft bleibt lebendig: Respektiere die Natur, ihre Kräfte und ihre Rhythmen – sonst könnte die Eselin der Mittagshitze dich holen.
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Afrikanischer Humor ist ...
- nicht spöttisch, sondern weise
- nicht über andere, sondern über sich selbst
- nicht nur lustig, sondern lehrreich
Er kombiniert Gelächter, Philosophie und Moral – Lachen ist Erkenntnis.
Afrikanischer Humor lehrt immer doppelt:
👉🏽 Er lässt uns lachen – und denken.
Selbst die kleinste Figur kann die größte Lektion geben.
Afrikanischer Humor zeigt:
Selbst Tiere, Götter und Könige sind nicht vor sich selbst sicher –
und genau darin liegt seine Kraft: Er entwaffnet mit Lachen, nicht mit Spott.