Die Vermittlung außereuropäischer Literaturen stellt in einem mehrsprachigen Land wie der Schweiz eine besondere kulturpolitische und editorische Herausforderung dar. Die Rezeption afrikanischer Literaturen verläuft traditionell entlang des sprachlichen und kulturellen Grabens zwischen der Deutschschweiz und der Romandie. Während das französischsprachige Publikum der Westschweiz durch die engen verlegerischen Verbindungen nach Paris und Montreal einen oft unmittelbaren Zugang zu frankophonen afrikanischen Stimmen besitzt, ist die Deutschschweiz in hohem Maße von der kontinuierlichen und oft preziösen Übersetzungsarbeit unabhängiger Verlage abhängig. Dieser Bericht analysiert die wichtigsten afrikanischen Autorinnen, die für das Schweizer literarische Leben von herausragender Bedeutung sind, kartiert die verlegerische Infrastruktur des Landes und untersucht die aktuellen kulturpolitischen Transformationsprozesse.
Historisch lässt sich das Interesse an afrikanischen Stimmen im deutschsprachigen Raum weit zurückverfolgen. Bereits an der Wende zum 19. Jahrhundert legte der Naturforscher Johann Friedrich Blumenbach eine der ersten bekannten Privatsammlungen von Werken schwarzer Autorinnen und Autoren an, darunter die Gedichte von Phillis Wheatley, der ersten afroamerikanischen Dichterin, die im Jahr 1773 in London publizierte. Diese frühe Form der archivarischen Wertschätzung findet in der modernen Schweiz ihre Fortsetzung in spezialisierten Institutionen wie den Basler Afrika Bibliographien (BAB), die umfassende Namibia-Bestände verwalten, wissenschaftliche Publikationen über das südliche Afrika fördern und über ein kooperatives Metakatalogsytem namens PARC den wissenschaftlichen Zugang erleichtern.
Das literarische Œuvre wegweisender afrikanischer Autorinnen
Um das Schweizer Publikum – sowohl im deutsch- als auch im französischsprachigen Raum – angemessen an den aktuellen Diskursen des afrikanischen Kontinents teilhaben zu lassen, bedarf es einer systematischen Profilierung herausragender Schriftstellerinnen, deren Werke die Vielstimmigkeit und ästhetische Dichte der Gegenwartsliteratur repräsentieren.
Tsitsi Dangarembga: Psychologische Architekturen der Dekolonisierung
Die simbabwische Schriftstellerin und Filmemacherin Tsitsi Dangarembga, die im Jahr 2021 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, hat mit ihrer Tambudzai-Trilogie ein monumentales Werk der postkolonialen Weltliteratur geschaffen. Ihr Debütroman Nervous Conditions aus dem Jahr 1988, der auf Französisch unter dem Titel À fleur de peau (übersetzt von Étienne Galle, Albin Michel) und auf Deutsch als Der Preis der Freiheit vorliegt, seziert die psychologischen Entfremdungsprozesse eines jungen Mädchens im spätkolonialen Simbabwe. Dangarembgas literarischer Geniestreich liegt in der Verbindung individueller weiblicher Emanzipationsbestrebungen mit der kollektiven Entfremdung durch koloniale Bildungssysteme.
Der abschließende Band der Trilogie, This Mournable Body (auf Französisch erschienen als Ce corps à pleurer, übersetzt von Nathalie Carré bei Mémoire d'encrier; auf Deutsch als Überleben), zeigt den unerbittlichen Kampf der gealterten Protagonistin in der neoliberalen und von korrupten Strukturen geprägten Hauptstadt Harare. Das Werk verknüpft auf eindringliche Weise das persönliche Trauma der Hauptfigur mit dem kollektiven Zusammenbruch einer jungen Nation.
Djaïli Amadou Amal: Literarischer Aktivismus gegen patriarchale Gewalt
Als eine der kraftvollsten feministischen Stimmen Westafrikas gilt die kamerunische Schriftstellerin Djaïli Amadou Amal. Ihr polyphoner Roman Les Impatientes (auf Deutsch erschienen unter dem Titel Die ungeduldigen Frauen, übersetzt von Ela zum Winkel im Orlanda Verlag) wurde im Jahr 2020 mit dem Prix Goncourt des lycéens ausgezeichnet. Basierend auf eigenen traumatischen Erfahrungen – Amal wurde im Alter von 17 Jahren zwangsverheiratet und entkam später einem gewalttätigen Ehemann – schildert sie das Schicksal dreier Frauen im Norden Kameruns, die in einem dichten Netz aus Polygamie, häuslicher Gewalt und gesellschaftlicher Erwartung gefangen sind.
Ihr Werk zeichnet sich dadurch aus, dass sie die Literatur als Werkzeug des sozialen Wandels nutzt, um das Schweigen über Tabuthemen innerhalb der Fulbe-Gemeinschaft zu brechen. In ihren nachfolgenden Romanen wie Cœur du Sahel (Im Herzen des Sahel) und Le Harem du roi (2024) widmet sie sich den verheerenden Auswirkungen von Klimawandel, Armut und dschihadistischem Terrorismus auf das Leben junger Frauen, ohne dabei in reduktionistische Klischees zu verfallen. Im Jahr 2025 wurde ihr außergewöhnliches Engagement durch die Ernennung zum Ritter der Ehrenlegion gewürdigt.
Scholastique Mukasonga: Trauerarbeit und die Bewahrung des kulturellen Gedächtnisses
Die ruandische Schriftstellerin Scholastique Mukasonga, die seit 1992 in der Normandie lebt, hat ihr literarisches Schaffen ganz in den Dienst des Gedenkens gestellt. Da fast ihre gesamte Tutsi-Familie im Jahr 1994 dem Völkermord in Ruanda zum Opfer fiel, fungieren ihre Bücher als Akte der sprachlichen Bestattung und der historischen Restitution. Ihr Werk La Femme aux pieds nus (auf Deutsch erschienen als Frau auf bloßen Füßen, übersetzt von Gudrun und Otto Honke im Peter Hammer Verlag) ist eine tief berührende Liebeserklärung an ihre ermordete Mutter Stefania, die unermüdlich um das Überleben ihrer Kinder kämpfte.
Mukasongas international bekanntester Roman Notre-Dame du Nil (ausgezeichnet mit dem Prix Renaudot 2012, auf Deutsch erschienen als Die heilige Jungfrau vom Nil beim Verlag Das Wunderhorn, übersetzt von Andreas Jandl) analysiert die kolonialen Ursprünge des rassistischen Hasses an einem katholischen Mädcheninternat in den 1970er-Anhängen. Ihre jüngsten Romane Kibogos Himmelfahrt (2024) und Sister Deborah (2025), beide von Jan Schönherr für den Claassen Verlag ins Deutsche übertragen, thematisieren das spannungsgeladene Aufeinandertreffen von christlicher Missionierung und indigenen spirituellen Traditionen.
Yvonne Adhiambo Owuor und Petina Gappah: Transnationale und historische Perspektiven
Die kenianische Autorin Yvonne Adhiambo Owuor erweitert das literarische Spektrum um weite geopolitische Entwürfe. Ihr Epos Das Meer der Libellen (Dumont Verlag, 2020) erzählt eine kraftvolle Bildungsgeschichte vor dem Hintergrund der jahrhundertealten transozeanischen Verbindungen zwischen der ostafrikanischen Swahili-Küste und China und bricht damit die übliche eurozentrische Perspektive auf postkoloniale Beziehungen auf.
Die simbabwische Autorin Petina Gappah wiederum verbindet profunde historische Recherchen mit feiner Satire. In ihrem historischen Roman Aus der Dunkelheit strahlendes Licht widmet sie sich den afrikanischen Begleitern, die den Leichnam des Forschers David Livingstone unter extremen Gefahren an die Küste transportierten. Gappah, die als ausgebildete Juristin zeitweise im Bereich des internationalen Handelsrechts in Genf tätig war, spiegelt in ihren Kurzgeschichtensammlungen wie Im Herzen des Goldenen Dreiecks (Arche Verlag Zürich, 2020) die absurden sozialen Verwerfungen der späten Mugabe-Ära wider.
| Autorin |
Originalwerk |
Deutsche Übersetzung & Verlag |
Französische Ausgabe & Verlag |
Thematischer Schwerpunkt |
| Tsitsi Dangarembga |
Nervous Conditions (1988)
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Der Preis der Freiheit (Orlanda Verlag)
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À fleur de peau (Transl. Étienne Galle, Albin Michel)
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Koloniale Bildung und weibliche Entfremdung
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| Djaïli Amadou Amal |
Munyal, les larmes de la patience (2017)
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Die ungeduldigen Frauen (Transl. Ela zum Winkel, Orlanda)
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Les Impatientes (Éditions Emmanuelle Collas)
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Polygamie, Zwangsheirat und patriarchale Gewalt im Sahel
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| Scholastique Mukasonga |
Notre-Dame du Nil (2012)
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Die heilige Jungfrau vom Nil (Transl. Andreas Jandl, Das Wunderhorn)
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Notre-Dame du Nil (Éditions Gallimard)
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Rassenideologie, koloniale Vorläufer des Genozids
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| Yvonne Adhiambo Owuor |
The Sea of Dragonflies (2019)
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Das Meer der Libellen (Dumont Verlag)
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The Sea of Dragonflies (Englische Originalausgabe)
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Afro-asiatische Geopolitik und maritime Identität
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| Petina Gappah |
An Eleanor Roosevelt State of Mind (2009)
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Im Herzen des Goldenen Dreiecks (Arche Verlag Zürich)
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Im Herzen des Goldenen Dreiecks (Deutsche Ausgabe)
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Satirische Analyse politischer Transformationskrisen
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Systemische Brücken und verlegerische Infrastrukturen in der Schweiz
Die kontinuierliche Vermittlung dieser komplexen Literaturen beruht in der Schweiz auf einem fragilen, aber hochgradig engagierten Netzwerk aus unabhängigen Verlagen, literarischen Vermittlern und spezialisierten Buchhandlungen.
In der Deutschschweiz nehmen traditionsreiche Verlage eine Schlüsselrolle ein. Der im Jahr 1975 von Lucien Leitess gegründete Unionsverlag in Zürich, der im Jahr 2023 vom Münchener Verlag C. H. Beck übernommen wurde, hat über Jahrzehnte hinweg mehr als 280 Autorinnen und Autoren aus dem arabischen Raum, Asien und Afrika verlegt. Ein weiterer unverzichtbarer Akteur ist der ebenfalls in Zürich ansässige Dörlemann Verlag. Seit Dezember 2024 unter der Leitung der neuen Verlegerin Dr. Christina Müller, zeichnet sich Dörlemann durch eine anspruchsvolle Übersetzungspolitik aus.
Der Verlag erhielt im Jahr 2008 die renommierte Übersetzerbarke für seine faire Bezahlung, die engagierte Betreuung von Übersetzerinnen und Übersetzern sowie das Prinzip, literarischer Übersetzung eine sichtbare ästhetische Plattform zu bieten. Diese translationspolitische Sorgfalt ist für den interkulturellen Austausch von fundamentaler Bedeutung, da sie sicherstellt, dass die feinen sprachlichen Nuancen afrikanischer Originaltexte im deutschen Sprachraum adäquat abgebildet werden.
Ein spezifisches Segment bedient der gemeinnützige Verein Baobab Books in Basel. Entstanden aus den Impulsen der Erklärung von Bern im Jahr 1968, hat sich der Verlag ganz der Förderung kultureller Vielfalt in der Kinder- und Jugendliteratur verschrieben. Baobab Books verlegt fast ausschließlich Übersetzungen aus dem Globalen Süden sowie von indigenen Gemeinschaften. Neben Werken wie Kagiso Lesego Molopes Im Schatten des Zitronenbaums zeichnet sich der Verlag durch direkte Vermittlungsprojekte aus.
Zusammen mit dem tansanischen Künstler John Kilaka, dessen Bilderbücher wie Frische Fische oder Der wunderbare Baum bei Baobab vorliegen, führt der Verein Fortbildungen für Lehrkräfte durch und unterstützt das Aufzeichnen und Illustrieren lokaler oraler Erzähltraditionen im ländlichen Tansania. Diese Arbeit verdeutlicht, dass literarische Vermittlung in der Schweiz nicht als einseitiger Konsum verstanden wird, sondern als dialogischer und selbsttragender Prozess der globalen Kulturförderung.
In der Romandie fungieren die im Jahr 1975 von Marlyse Pietri und Xavier Comtesse in einer Genfer Garage gegründeten Éditions Zoé als eine der einflussreichsten literarischen Stimmen. Unter der heutigen Leitung von Caroline Coutau widmet sich Zoé einer politisch und sozial engagierten Literatur, die Themen wie Exil, soziale Kämpfe und Identitätskonflikte verhandelt. Ein prägnantes Beispiel für diese Ausrichtung ist das Werk des kamerunisch-schweizerischen Autors Max Lobe.
Lobe, der mit 18 Jahren in die Schweiz kam, verbindet in seinen bei Zoé verlegten Romanen wie Loin de Douala oder La danse des pères (2025) die traditionelle mündliche Erzählkunst Kameruns mit den oft prekären Realitäten der Schweizer Einwanderungsgesellschaft. Lobes Werke greifen Tabuthemen wie Homophobie, religiösen Fanatismus und die Situation von Papierlosen auf und schlagen somit eine unmittelbare Brücke zwischen afrikanischen Lebenswelten und dem helvetischen Alltag.
Ergänzt wird diese verlegerische Landschaft im französischsprachigen Raum durch die Lausanner Éditions d'en bas. Über zwei Jahrzehnte hinweg wurde dieser engagierte Independent-Verlag von Jean Richard geleitet, einem im Lesotho als Sohn Schweizer Eltern geborenen Verleger, der für seinen leidenschaftlichen Einsatz für afrikanische Literaturen und die Förderung der Bibliodiversität zum Chevalier des Arts et des Lettres ernannt wurde und im Juni 2025 verstarb.
Anthologische Erschließung und diasporische Resonanzräume
Die Vermittlung afrikanischer Literaturen im deutschsprachigen Raum hat im Jahr 2023 durch ein ambitioniertes Übersetzungsprojekt eine entscheidende Erweiterung erfahren. Unter dem Titel Neue Töchter Afrikas (herausgegeben von Christa Morgenrath und Eva Wernecke, Unrast Verlag) erschien eine deutsche Teilübersetzung der wegweisenden Anthologie New Daughters of Africa von Margaret Busby. Busby, die als erste in einem afrikanischen Land geborene schwarze Verlegerin Großbritanniens bereits im Jahr 1992 mit der Anthologie Daughters of Africa Pionierarbeit geleistet hatte, versammelt in diesem Nachfolgeprojekt über 200 weibliche Stimmen der afrikanischen Diaspora.
Die Anthologie macht deutlich, dass afrikanische Literatur nicht als geografisch isoliertes Phänomen begriffen werden darf, sondern als globales, transatlantisches Netzwerk. Die Vielfalt reicht von etablierten Stars wie Chimamanda Ngozi Adichie über Nobelpreisträgerinnen wie Toni Morrison bis hin zu neuen, aufregenden Stimmen wie der in London lebenden afrodeutschen Autorin Olumide Popoola.
Dieses transnationale Bewusstsein spiegelt sich auch in einer neuen Generation afrodeutscher Autorinnen wider, deren Werke in der Deutschschweiz eine breite Resonanz erfahren. Dazu gehören Mirrianne Mahn, deren vielschichtiger Familienroman Issa die deutsche Kolonialgeschichte in Kamerun mit heutigen Identitätsfragen verknüpft, sowie Olivia Wenzel mit ihrem hochgelobten Werk 1000 Serpentinen Angst, das eine deutsch-sambische Familiengeschichte im Spiegel gesellschaftlicher Transformationsprozesse beleuchtet. Auch Jackie Thomaes Bestseller Glück verhandelt Fragen von Herkunft, Mutterschaft und Erfolg jenseits klassischer ethnischer Zuschreibungen.
Diese literarischen Netzwerke korrespondieren mit institutionalisierten Festivals im europäischen Raum. Dazu gehört das von Sharon Dodua Otoo und Jeannette Oholi initiierte Festival Resonanzen – Schwarzes Literaturfestival in Recklinghausen , das eng mit den Aktivitäten unabhängiger Buchhandlungen wie der Berliner Buchhandlung InterKontinental verknüpft ist. InterKontinental, das bereits mehrfach mit dem Deutschen Buchhandlungspreis ausgezeichnet wurde, hat im Jahr 2022 einen eigenen Verlag gegründet, um zeitgenössischen afrikanischen Stimmen wie Jennifer Nansubuga Makumbi oder A. Igoni Barrett eine kontinuierliche Plattform zu bieten.
Kulturpolitische Verschiebungen und zivilgesellschaftliche Resilienz
Die strukturellen Rahmenbedingungen der Literaturvermittlung in der Schweiz befinden sich in einer Phase tiefgreifender Transformationen, die von schmerzhaften Zäsuren und innovativen Gegenentwürfen geprägt ist.
Das Ende des Salon africain und die Strukturkrise der staatlichen Förderung
Eine der schwersten Erschütterungen der jüngeren Schweizer Literaturgeschichte ereignete sich im Juni 2024 mit der offiziellen Bekanntgabe der Einstellung des Salon africain im Rahmen des Genfer Buchsalons (Salon du livre de Genève). Der Salon africain, der im Jahr 2004 vom Schweizer Verleger Pierre-Marcel Favre ins Leben gerufen worden war, fungierte über zwei Jahrzehnte hinweg als eine der bedeutendsten europäischen Bühnen für afrikanische Literaturen und machte Genf zu einem zentralen Knotenpunkt des frankophonen Dialogs. Die abrupte Einstellung dieser Institution erfolgte aufgrund des vollständigen Wegfalls ihrer institutionellen Hauptfinanzierung durch die schweizerische Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA / DDC).
Dieses Ereignis wirft ein grelles Schlaglicht auf eine systemische Schwachstelle der Schweizer Kulturpolitik. Die Vermittlung postkolonialer Literaturen war über Jahrzehnte hinweg nicht im regulären Budget der nationalen Kunst- und Literaturförderung (wie etwa über die Stiftung Pro Helvetia) verankert, sondern hing maßgeblich vom entwicklungspolitischen Mandat der DEZA ab. Fällt diese Unterstützung aus entwicklungspolitischen oder budgetären Gründen weg, kollabieren die mühsam aufgebauten literarischen Infrastrukturen, da sie vom regulären Literaturbetrieb kaum querfinanziert werden können. Das Verschwinden dieser Bühne hinterlässt im französischsprachigen Raum der Westschweiz eine tiefe Lücke.
Innovative Vermittlung und zivilgesellschaftliche Selbsthilfe
Gegen diese drohende Unsichtbarkeit formieren sich jedoch resiliente zivilgesellschaftliche und stiftungsbasierte Alternativen, die den interkulturellen Dialog auf Augenhöhe neu definieren. Eine herausragende Rolle nimmt die Zürcher Stiftung Litar ein, die im Jahr 2020 die umfangreiche Artikelsammlung des Schweizer Theologen und Journalisten Al Imfeld übernahm und archivierte. Auf dieser wissenschaftlichen Basis realisierte Litar in enger Kooperation mit dem Museum Strauhof in Zürich zwischen 2022 und 2024 die dreiteilige Ausstellungstrilogie «litafrika», die vollständig von Pro Helvetia finanziert wurde.
- Die erste Ausstellung «litafrika – Poesien eines Kontinents» (2022) stellte historische und moderne Lyrik- und Spoken-Word-Szenen ins Zentrum.
- Die zweite Phase «litafrika – Artistic Encounters» (2023), kuratiert von Zukiswa Wanner, inszenierte Begegnungen zwischen acht zeitgenössischen afrikanischen Romanen und Kunstformen wie Performance, Musik und bildender Kunst, dokumentiert in der Publikation Edition Litar 03.
- Die abschließende Ausstellung «litafrika – Abidjan & Accra» (2024), kuratiert von einem internationalen Kollektiv (darunter Sylvia Arthur von LOATAD in Accra und Edwige-Renée Dro von 1949books in Abidjan), beleuchtete die zeitgenössischen Literaturszenen zweier westafrikanischer Metropolen und reflektierte deren kolonialgeschichtliche Verflechtungen.
Ein weiteres zukunftsweisendes Modell der literarischen Selbsthilfe stellt die Genfer Vereinigung La CENE Littéraire dar, die von der kamerunischen Rechtsanwältin Flore Nda Zoa Meiltz geleitet wird. Neben der jährlichen Verleihung des prestigeträchtigen Prix Les Afriques – der mit 5.000 Euro dotiert ist und an dem ein Kunstwerk des senegalesisch-schweizerischen Malers Momar Seck gekoppelt ist – zeichnet sich die Vereinigung durch ein einzigartiges Kreislaufmodell aus. Nach der Auszeichnung eines Werkes, wie etwa Ayòbámi Adébáyòs Roman Reste avec moi (Stay with Me), erwirbt die vereinseigene Verlagsstruktur Flore Zoa die afrikanischen Exklusivrechte.
In einer eigens produzierten Neuedition werden mindestens 10.000 Exemplare gedruckt und kostenlos an Schulen, Universitäten und Bibliotheken in verschiedenen Ländern Subsahara-Afrikas verteilt. Gekoppelt an Hunderte von literarischen Cafés und Lesungen, bricht dieses Modell die neokolonialen Strukturen des globalen Buchmarkts auf, indem es den oft unerschwinglichen Import von in Europa gedruckten Büchern umgeht und zeitgenössische afrikanische Literatur für afrikanische Leserinnen und Leser vor Ort zugänglich macht.
Schlussbetrachtungen und strategische Empfehlungen
Die Rezeption afrikanischer Autorinnen in der Schweiz bewegt sich im Spannungsfeld zwischen ästhetischer Exzellenz und struktureller Prekarität. Während unabhängige Verlage wie Dörlemann, Zoé und Baobab Books sowie stiftungsbasierte Initiativen wie Litar eine hochengagierte Vermittlungsarbeit leisten, gefährdet das Fehlen einer langfristigen, strukturellen Bundesförderung die Nachhaltigkeit dieser Bemühungen.
Um die sichtbare Präsenz afrikanischer Autorinnen in der mehrsprachigen Schweiz langfristig zu sichern, lassen sich folgende strategische Handlungsempfehlungen für Kulturpolitik, Bibliotheken und Verlage formulieren:
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Etablierung eines transnationalen Übersetzungsfonds: Angesichts der Spaltung des Schweizer Buchmarkts entlang des Röstigrabens sollte die Kulturstiftung Pro Helvetia in Kooperation mit privaten Stiftungen einen dedizierten Übersetzungsfonds auflegen. Dieser sollte gezielt die Übersetzung von Werken afrikanischer Autorinnen aus dem Französischen ins Deutsche (und umgekehrt) unterstützen, um den literarischen Austausch zwischen der Romandie und der Deutschschweiz zu stärken.
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Kulturpolitische Neuausrichtung der Literaturförderung: Das Bundesamt für Kultur (BAK) sollte die Förderung postkolonialer und außereuropäischer Literaturen aus dem engen Rahmen der "Entwicklungszusammenarbeit" (DEZA) herauslösen und als integralen Bestandteil der regulären, diversitätsorientierten Kunstförderung der Schweiz verankern. Nur so können krisenhafte Zäsuren wie die Schließung des Salon africain zukünftig verhindert werden.
- Förderung dezentraler Vermittlungsnetzwerke: Statt der Konzentration auf wenige Großereignisse sollten dezentrale Akteure gestärkt werden. Die Kooperation zwischen universitären Zentren wie dem Zentrum für Afrikastudien Basel (ZASB), Archiven wie den Basler Afrika Bibliographien und zivilgesellschaftlichen Vereinigungen wie La CENE Littéraire sollte durch strukturelle Förderbeiträge intensiviert werden, um literarische Debatten kontinuierlich in den öffentlichen Raum zu tragen.
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Integration postkolonialer Literaturen in Bildungsinstitutionen: Schweizer Bibliotheken, Schulen und Gymnasien sollten gezielt durch didaktische Materialien – wie sie etwa von Baobab Books vorbildlich entwickelt werden – dabei unterstützt werden, die Werke afrikanischer Autorinnen fest in den Lehrplänen zu verankern. Dies fördert nicht nur die interkulturelle Lesekompetenz, sondern bricht rassistische und eurozentrische Denkmuster bereits in der schulischen Bildung auf.
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