Die Geister von Sangomar | Das Joola-Unglück

Die Geister von Sangomar

Das Joola-Unglück im Spiegel senegalesischer Politik, Erinnerungskultur und der Literatur von Fatou Diome

Einleitung: Die maritime Tragödie Afrikas und die Asymmetrie des globalen Mitgefühls

Am 26. September 2002 ereignete sich vor der Küste Westafrikas eine der verlustreichsten zivilen Schiffskatastrophen der modernen Seefahrt. Der Untergang der senegalesischen Staatsfähre MV Le Joola forderte offiziell 1.863 Menschenleben, während Opferverbände und unabhängige Schätzungen die Zahl der Toten auf über 2.000 beziffern. Damit übersteigt diese Tragödie die Opferzahlen der Titanic-Katastrophe bei weitem. Trotz dieser historischen Dimensionen bleibt das Ereignis außerhalb Westafrikas im globalen kollektiven Gedächtnis nahezu unsichtbar.

Diese fundamentale Diskrepanz verweist auf eine geopolitische Asymmetrie in der Verteilung globaler Empathie, ein Thema, das die senegalesisch-französische Autorin Fatou Diome vehement kritisiert. Während tragische Ereignisse im globalen Norden im Senegal tiefes Mitgefühl und breite öffentliche Debatten auslösen, stieß der Verlust von rund 2.000 Menschenleben vor der Küste Dakars in westlichen Metropolen auf nahezu vollständiges Desinteresse. Aus postkolonialer Perspektive stellt der Untergang der Fähre kein unvorhersehbares Naturereignis dar, sondern das Resultat struktureller Versäumnisse, kolonialer Geografien und administrativer Vernachlässigung der peripheren Casamance-Region durch den senegalesischen Zentralstaat.

Die Anatomie des Untergangs: Ursachen, administrative Fehler und staatliches Versagen

Die Wurzeln der Katastrophe liegen in der geopolitischen Isolation der Casamance im Süden Senegals. Geografisch ist diese Region durch das Territorium Gambias – im nationalen Diskurs oft als die abschnürende „Krawatte“ des Landes bezeichnet – fast vollständig vom nördlichen Hauptteil des Territoriums und der Hauptstadt Dakar getrennt. Der Landweg war im Jahr 2002 aufgrund des bewaffneten Konflikts mit der separatistischen Bewegung des MFDC (Mouvement des forces démocratiques de la Casamance) sowie unvorhersehbarer Grenzkontrollen an den gambischen Übergängen extrem gefährlich und zeitraubend. Die MV Le Joola stellte somit die einzig sichere, bezahlbare und direkte Lebensader für den Personen- und Warenverkehr dar. Ihr Name, der auf Vorschlag des ehemaligen Bürgermeisters von Ziguinchor, Robert Sagna, gewählt wurde (ursprünglich war „Sangomar“ vorgesehen), verwies symbolisch auf die ethnische Gruppe der Joola, die im Zentrum der regionalen Identität steht.

Am Nachmittag des 26. September 2002 legte das Schiff unter dem Kommando von Issa Diarra im Hafen von Ziguinchor ab. Bereits die Abfahrt stand unter einem düsteren Vorzeichen, das von Einheimischen als böses Omen gedeutet wurde: Der junge Fischer Birame M'baye stieß beim Manövrieren seiner Piroge mit dem Kopf gegen den Rumpf der Fähre und ertrank im Hafenbecken, ohne dass seine Leiche sofort geborgen werden konnte. Zudem war die Fähre technisch in einem katastrophalen Zustand: Die Ballasttanks waren leer, es wurde kein Frischwasser in Ziguinchor aufgenommen, und das Schiff fuhr lediglich mit dem verbliebenen Treibstoff aus Dakar. Auf dem Heck war zudem ein schwerer, fünf Tonnen wiegender Zusatzgenerator installiert, der die ohnehin fragile Stabilität der Fähre weiter beeinträchtigte.

Aufgrund des bevorstehenden Beginns des neuen Schul- und Universitätsjahres drängten unzählige Studenten und Händler an Bord. Obwohl das Schiff für maximal 536 Passagiere ausgelegt war, verkaufte die Schiffsführung unbegrenzt Tickets der dritten Klasse. Als das Schiff gegen 23:00 Uhr in ein saisonales Unwetter mit Windstärken der Stärke 7 geriet, rutschten ungesicherte Fahrzeuge und Frachten auf dem Deck nach Tribord (rechts), während Passagiere instinktiv auf dieselbe Seite drängten. Durch unverschlossene Bullaugen und offene Heckklappen drang schlagartig Wasser ein. Innerhalb von weniger als zehn Minuten kenterte die Fähre rund 30 Kilometer vor der Küste des gambischen Gunjur.

Chronologie der administrativen Verwaltung und des Sicherheitsverfalls (1990–2002)

Drei Verwaltungsphasen prägten den technischen Zustand, die Sicherheitsstandards und die Stabilität des Schiffsbetriebs zwischen 1990 und 2002.

Erste Phase (1990 – Dezember 1994)

Verwaltung durch die COSENAM mit regelmäßigen jährlichen Wartungen (45 Tage Trockendock), soliden Stabilitätskontrollen und professioneller maritimer Führung in enger Abstimmung mit dem Kapitän.

Zweite Phase (Dezember 1994 – Dezember 1995)

Übertragung auf den Port Autonome de Dakar (PAD), gefolgt von einer raschen Verschlechterung der Sicherheitsstandards, Vernachlässigung technischer Kontrollen und zunehmender administrativer Desorganisation.

Dritte Phase (Dezember 1995 – September 2002)

Vollständige Übertragung der technischen, finanziellen und kommerziellen Verwaltung auf das Ministerium der Streitkräfte, was zu einer informellen militärischen Befehlshierarchie führte, die zivile Sicherheitsstandards und Stabilitätsberechnungen systematisch ignorierte.

Zu den gravierendsten Fehlentscheidungen der Regierung unter Präsident Abdoulaye Wade gehörte die finanzielle Priorisierung repräsentativer Staatsausgaben gegenüber existenziellen Sicherheitsbedürfnissen. Während für die Reparatur des präsidialen Flugzeugs rund 18 Milliarden FCFA bereitgestellt wurden, verweigerte das Regime die für die Reparatur der Backbord- und Steuerbordmotoren der Joola dringend benötigten 500 Millionen FCFA. Diese chronische Unterfinanzierung gipfelte im völligen Versagen der Rettungskräfte nach der Kenterung.

Obwohl das Wrack die ganze Nacht über kieloben trieb und im Inneren gefangene Passagiere verzweifelt gegen die Außenwand klopften, wurden offizielle Rettungsmaßnahmen erst am späten Nachmittag des Folgetags eingeleitet. Lokale Fischer in ihren Pirogen waren es, die am Morgen die ersten und einzigen 64 Überlebenden retteten. Die Einrichtung zweier konkurrierender Rettungszellen in der Primatur und im Innenministerium blockierte den nationalen Notfallplan (Plan ORSEC) und verzögerte den Einsatz der Armee um mehr als 18 Stunden.

Die Verweigerung der Justiz und die ungelöste Schuldfrage

Die juristische Aufarbeitung der Tragödie im Senegal mündete in eine schwere Krise des Rechtsstaates. Im August 2003 stellte die senegalesische Staatsanwaltschaft die Ermittlungen ein und wies die strafrechtliche Schuld ausschließlich dem im Unglück ertrunkenen Kapitän Issa Diarra zu. Diese Strategie, den toten Kommandanten als Sündenbock zu instrumentalisieren, verhinderte jede gerichtliche Klärung der tieferen administrativen und politischen Verantwortung. Regierungsmitglieder wie die Premierministerin Mame Madior Boye oder die damalige Justizministerin Aminata Touré wiesen jede persönliche Haftung von sich und stellten die Notwendigkeit eines Prozesses öffentlich in Frage.

Ein paralleles Ermittlungsverfahren in Frankreich, das von den Familien der 18 verstorbenen französischen Staatsbürger angestrengt worden war, stieß auf massiven diplomatischen Widerstand. Trotz der Feststellung gravierender Versäumnisse gegen sieben hochrangige senegalesische Beamte verweigerten die französischen Gerichte letztlich eine Anklage unter Verweis auf die völkerrechtliche Immunität von Amtsträgern. Die angebotene Entschädigung von 19.000 Euro pro Opfer stieß bei vielen Angehörigen auf Ablehnung, da sie eine Reduktion ihres Kampfes um Wahrheit auf eine finanzielle Abfindung verweigerten.

Vergleich der rechtlichen Entschädigungsansprüche nach dem CIMA-Code vs. Realität

Der CIMA-Code legt detaillierte Entschädigungsquoten in Prozent des jährlichen SMIG fest, während die praktische Umsetzung im Senegal auf pauschalen Abfindungen beruht.

Ansprüche nach CIMA-Code

Conjoint (Ehepartner): 150 % des jährlichen SMIG; minderjährige Kinder: 75 % des jährlichen SMIG pro Kind; Eltern und Geschwister: 50 % bzw. 25 % des jährlichen SMIG, gemäß Artikel 266 des CIMA-Codes.

Tatsächliche Umsetzung & Reaktionen

In der Praxis wurde im Senegal eine pauschale Abfindung von etwa 19.000 Euro (10 Millionen FCFA) pro Opfer gezahlt, gekoppelt an den Verzicht auf weitere zivil- oder strafrechtliche Klagen, was zu Spaltungen unter den Opferverbänden führte, da viele Angehörige diese Summe ablehnten, um ihr Recht auf Strafverfolgung und Bergung der Toten zu bewahren.

Der anhaltende Schmerz der Familien wird durch den Verbleib des Wracks am Meeresboden verstärkt. Die Joola ruht bis heute in den stark korrosiven, salzhaltigen Gewässern vor Gambia, was zu einer rapiden Zersetzung der darin verbliebenen Skelette führt. Ein Angebot der Europäischen Union im Jahr 2006, das Schiff kostenlos zu bergen, wurde von der Regierung Wade schlicht ignoriert. Für die Hinterbliebenen bedeutet dies eine Verweigerung der traditionellen Bestattungsriten, wodurch der Trauerprozess in einem Zustand permanenter Fragmentierung verbleibt.

Die Ästhetik des Schmerzes in Fatou Diomes Roman „Les veilleurs de Sangomar“

Inmitten dieses staatlich verordneten Schweigens ragt Fatou Diomes 2019 erschienener Roman Les veilleurs de Sangomar (Die Wächter von Sangomar) als ein Werk des literarischen Widerstands heraus. Diome, 1968 auf der senegalesischen Insel Niodior geboren und von ihrer Großmutter im Saloum-Delta großgezogen, verwebt in ihrer lyrischen Prosa eigene biografische Erfahrungen der Entwurzelung und des Verlusts mit dem kollektiven Trauma ihres Heimatlandes. Ihr Familienname „Diome“ bedeutet im Wolof-Konzept des Diom moralische Würde – ein Wert, den sie im Kampf gegen das Vergessen der Opfer einfordert.

Die Auflehnung der Coumba gegen das fatalistische Schweigen

Der Roman schildert das Schicksal von Coumba, einer jungen Sereer-Niominka-Frau, die ihren Ehemann Bouba (Aboubabar) bei der Katastrophe verliert. Bouba, der auf Drängen seines engen Joola-Freundes Sihalebe und dessen französischer Ehefrau Pauline an der Reise in die Casamance teilnahm, ertrinkt im Atlantik. Coumba bleibt mittellos mit ihrer vier Monate alten Tochter Fadikiine zurück und ist gezwungen, die traditionelle, patriarchale Trauerzeit (veuvage) im Haus ihrer Schwiegermutter Wassiâm auf Niodior zu verbringen. Diese Tradition erlegt der Witwe eine strikte soziale Isolation und ein Sprechverbot auf. Ihre Schwiegerfamilie und die Dorfgemeinschaft begegnen ihrem Schmerz mit einem lähmenden, religiösen Fatalismus: Der Tod ihres Mannes sei der unabwendbare Wille Gottes, dem man sich stumm zu beugen habe.

Coumba widersetzt sich dieser verordneten Passivität. Da die monotheistischen Religionen ihr nur Resignation bieten, wendet sie sich der traditionellen animistischen Kosmologie ihres Volkes zu. Jede Nacht blickt sie über das Meer nach Sangomar, einer unbewohnten, heiligen Landspitze, die in der Mythologie der Sereer als Versammlungsort der Ahnen (Pangôls) und Naturgeister (Djinns) gilt. Sie fleht die Geister an: „Sangomar, accorde-moi la vue qui traverse la nuit“ (Sangomar, gewähre mir die Sicht, die die Nacht durchdringt). Diese nächtlichen Zwiegespräche mit den Toten werden im Dorf als Wahnsinn abgetan, stellen jedoch Coumbas radikale Überlebensstrategie dar.

Die subversive Kraft der sprachlichen Hybridisierung

Fatou Diome dekolonisiert das klassische Französisch, indem sie es systematisch mit Begriffen aus dem Seereer und Wolof unterläuft. Durch die bewusste Verwendung von Ausdrücken wie Pangôls (Ahnengeister), Mȃmayiin (die liebevollen Großeltern-Ahnen) oder Nakwé (die unheilvollen Hexen) bricht sie die eurozentrische Erzählstruktur auf. Die Sprache wird zum Transportmittel einer indigenen Epistemologie, die den kolonialen Dualismus zwischen Leben und Tod, Mensch und Natur auflöst.

Darüber hinaus thematisiert der Roman die traditionelle Institution der Scherzverwandtschaft (cousinage à plaisanteries) zwischen den Sereer und den Joola. Die tiefe Freundschaft zwischen Bouba (Sereer) und Sihalebe (Joola), die sich selbst im Tod fortsetzt, spiegelt diese historische Allianz wider. Sihalebe ist benannt nach dem historischen König Sihalebe Diatta von Oussouye, der sich 1903 aus Protest gegen die koloniale Deportation durch die Franzosen zu Tode hungerte. Diome verknüpft so das zeitgenössische Trauma der Joola direkt mit dem antikolonialen Widerstand der Casamance, der auch durch Figuren wie Aline Sitoé Diatta verkörpert wird.

Die Neudefinition des Schwarzen Atlantiks durch die Tidalektik

Aus literaturwissenschaftlicher Perspektive leistet Les veilleurs de Sangomar einen entscheidenden Beitrag zur Revision von Paul Gilroys Konzept des Black Atlantic. Während Gilroy den Atlantik primär aus einer anglo-amerikanischen Diaspora-Perspektive als Raum des transozeanischen Sklavenhandels theoretisiert, rückt Diome den afrikanischen Kontinent und das Saloum-Delta ins Zentrum. Sie entwirft ein tidalektisches Modell, in dem das wiederkehrende Prinzip von Ebbe und Flut (flux et reflux) die linearen, westlichen Zeitkonzepte auflöst.

Der Ozean ist hier kein bloßer Friedhof oder ein stummes Archiv des Schreckens, sondern ein flüssiger, zyklischer Erinnerungsraum. Durch die Gezeiten werden Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Gemeinschaft im Delta miteinander versöhnt. Das Schreiben wird für Coumba zur ultimativen Waffe der Ohnmächtigen (l'arme des faibles), um den Opfern ein bleibendes Denkmal zu errichten, das der senegalesische Staat ihnen verweigerte.

Mnemonische Geografien in « Les veilleurs de Sangomar »

Die Räume des Romans sind mehr als Schauplätze: Sie speichern Erinnerungen, strukturieren Trauer und verbinden die Welt der Lebenden mit der der Ahnen.

Niodior – Insel des Exils

Ort der physischen Isolation, der patriarchalen Trauerauflagen und des religiösen Fatalismus, an dem Coumbas Alltag zwischen Vorschrift und Verlust gefangen ist.

Sangomar – die heilige Pforte

Unbewohnte Landspitze und heiliges Portal zur Welt der Toten, Treffpunkt der Ahnengeister (Pangôls), an dem sich kollektive Erinnerung und Spiritualität verdichten.

Der Atlantische Ozean

Kein linearer Transitraum, sondern ein zyklischer, tidalektischer Akteur: Durch Ebbe und Flut verbindet er Leben und Tod und macht Verlust zu einer Bewegung statt zu einem Endpunkt.

Das Heft der Coumba

Raum der fiktionalen Trauerarbeit, in dem Coumba ihre Geschichte neu schreibt, und zugleich Ort politischer Anklage gegen Korruption und Verantwortungslosigkeit in Dakar.

Komplementäre Narrative des Widerstands: Boris Diops „Un tombeau pour Kinne Gaajo“

Das traumatische Ereignis findet ein wichtiges literarisches Äquivalent im Werk von Boubacar Boris Diop. Sein im Jahr 2024 erschienener Roman Un tombeau pour Kinne Gaajo (Ein Grab für Kinne Gaajo), den der Autor selbst aus dem Wolof ins Französische übersetzte, nähert sich der Katastrophe aus einer urbanen, dakarischen Perspektive.

Der Roman schildert das Leben von Kinne Gaajo, einer genialen Schriftstellerin und unangepassten Prostituierten aus Thiaroye, die bei dem Untergang der Joola ums Leben kommt. Nach ihrem Verschwinden macht sich ihre beste Freundin, die politische Radiojournalistin Njéeme Pay, daran, eine Biografie über die Verstorbene zu verfassen. Kinne Gaajo, die sich weigerte, den moralischen Konventionen der senegalesischen Gesellschaft zu entsprechen, wird in ihrer radikalen Freiheit zu einer Personifizierung des gepeinigten Landes.

Während Fatou Diome die spirituellen Dimensionen des Deltas nutzt, demaskiert Diop den Zynismus der dakarischen Medienlandschaft und der politischen Eliten, die das Unglück instrumentalisierten, um ihre Macht zu sichern. Beide Romane fungieren als symbolische Papiergräber für die im Meer vergessenen Toten und weisen der Fiktion die Aufgabe zu, historische Gerechtigkeit dort einzufordern, wo die staatlichen Institutionen versagt haben.

Das Mémorial-Musée in Ziguinchor: Ein langes Ringen gegen das Vergessen

Nach mehr als zwei Jahrzehnten unermüdlichen Kampfes der Opferverbände wurde am 16. Januar 2024 das offizielle Mémorial-Musée National le Joola in Ziguinchor eingeweiht. Das vom französischen Baukonzern Eiffage für fast 10 Milliarden FCFA errichtete Monument steht direkt am Ufer des Casamance-Flusses, an jener historischen Route, die das Schiff am 26. September 2002 einschlug. Der Entwurf geht auf ein langes Ringen zurück: Bereits 2006 forderten die Familien die Errichtung eines Maritimen Heiligtums vor Kafountine, was jedoch von der Regierung Wade ignoriert wurde. Erst 2016, unter Präsident Macky Sall, wurde das Projekt formell gestartet. Die ursprüngliche Maquette der Architektin Seynabou Diouf Ndiaye umfasste eine Fläche von genau 1.800 Quadratmetern – eine bewusste architektonische Analogie zur geschätzten Zahl der Todesopfer.

Der Bau auf einem 5.838 Quadratmeter großen Areal stieß auf massive geotechnische Probleme. Der extrem schlammige, instabile Untergrund am Flussufer und die Notwendigkeit, qualitativ hochwertigen Sand über weite Strecken aus Cap Skirring heranzutransportieren, verzögerten die Fertigstellung um Jahre. Das fertige Denkmal umfasst eine 700 Quadratmeter große Esplanade, auf der zwei bereits aus dem Wrack geborgene Schiffspropeller ausgestellt sind. Ein eigener Bereich des Museums ist der Lebensgeschichte der einzigen überlebenden Frau gewidmet, die zum Zeitpunkt des Unglücks im vierten Monat schwanger war und deren Kind im Senegal als „Bébé Joola“ bekannt ist.

Trotz der feierlichen Eröffnung bleibt die Verwaltung des Museums ein Politikum. Opfervertreter wie Lamine Mbengue fordern eine strikt inklusive Beteiligung der Familien an der Kuration und dem Betrieb des Hauses, um zu verhindern, dass der Ort zu einer staatlichen Propagandaeinrichtung verkommt. Die Vertreterin der über 1.900 Waisen des Unglücks, Binta Gassama, verlangt zudem eine gesetzliche Verankerung des Joola-Dramas im nationalen Schulcurriculum. Nur durch die systematische Vermittlung der Katastrophe an die jüngeren Generationen könne die Kultur des staatlichen Laissez-faire und der Straffreiheit im Senegal nachhaltig überwunden werden.

Fazit: Die Pflicht zur Erinnerung als Fundament der kollektiven Würde

Das Joola-Unglück ist keine bloße historische Episode der Schifffahrt, sondern das bis heute spürbare Symptom eines tiefen Bruchs in der senegalesischen Gesellschaft. Es verdeutlicht die letalen Konsequenzen, die entstehen, wenn administrative Verantwortungslosigkeit, politische Arroganz und die geografische Isolation einer Region aufeinandertreffen. Die juristische Verweigerung einer lückenlosen Aufklärung hat eine Wunde hinterlassen, die durch materielle Entschädigungen nicht geheilt werden konnte.

In diesem Vakuum der staatlichen Justiz erweist sich die senegalesische Literatur als die eigentliche Hüterin der nationalen Würde. Die Werke von Fatou Diome und Boubacar Boris Diop überwinden den verordneten gesellschaftlichen Fatalismus, indem sie den namenlosen Opfern eine Stimme verleihen und das maritime Massengrab in einen Raum des permanenten, ethischen Appells verwandeln. Das neue Mémorial-Musée in Ziguinchor darf daher kein Ort des monumentalen Schweigens sein, sondern muss als lebendiges Zentrum des zivilgesellschaftlichen Widerstands und der unnachgiebigen Forderung nach sozialer Gerechtigkeit verstanden werden.

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Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was war das Joola-Unglück? +
Das Joola-Unglück bezeichnet den Untergang der senegalesischen Staatsfähre MV Le Joola am 26. September 2002 vor der Küste Westafrikas. Die Katastrophe gilt als eine der schwersten zivilen Schiffskatastrophen der modernen Geschichte und wurde zum Symbol für staatliches Versagen, kollektive Trauer und die schwierige Aufarbeitung im Senegal.
Warum ist das Joola-Unglück bis heute so bedeutend? +
Das Unglück ist bis heute von großer Bedeutung, weil es weit über ein Schiffsunglück hinausgeht. Es steht für die geografische Isolation der Casamance, für politische und administrative Verantwortungslosigkeit, für die unvollständige juristische Aufarbeitung und für die Frage, wie eine Gesellschaft ihrer Toten gedenkt.
Welche Rolle spielt Fatou Diome in der Erinnerung an das Joola-Unglück? +
Fatou Diome greift das Trauma des Joola-Unglücks literarisch in ihrem Roman „Les veilleurs de Sangomar“ auf. Sie verbindet persönliche Trauer, spirituelle Vorstellungswelten des Saloum-Deltas und gesellschaftskritische Reflexionen über Schweigen, Verlust und Würde und schafft so einen literarischen Erinnerungsraum für die Opfer.
Worum geht es in „Les veilleurs de Sangomar“ von Fatou Diome? +
Im Zentrum des Romans steht Coumba, eine junge Frau, die ihren Ehemann beim Untergang der Joola verliert. Der Roman erzählt von Trauer, sozialem Druck, spiritueller Suche und weiblichem Widerstand und zeigt, wie Literatur dort Erinnerung bewahren kann, wo Staat und Justiz versagen.
Was bedeutet Sangomar im Roman und in der senegalesischen Erinnerungskultur? +
Sangomar ist im Roman nicht nur ein geografischer Ort, sondern eine heilige, symbolisch aufgeladene Schwelle zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Ahnen. In der literarischen Deutung wird Sangomar zu einem Erinnerungsort, an dem Schmerz, Spiritualität und kollektives Gedächtnis miteinander verbunden sind.
Gibt es ein Denkmal oder Museum zum Joola-Unglück? +
Ja. In Ziguinchor wurde das Mémorial-Musée National le Joola als Ort des Gedenkens und der historischen Erinnerung geschaffen. Es steht für den langen Kampf der Angehörigen gegen das Vergessen und für den Versuch, die Katastrophe dauerhaft im nationalen Bewusstsein des Senegal zu verankern.
Warum ist das Joola-Unglück auch literaturwissenschaftlich relevant? +
Das Joola-Unglück ist auch literaturwissenschaftlich relevant, weil Autorinnen und Autoren wie Fatou Diome und Boubacar Boris Diop die Katastrophe in literarische Formen von Erinnerung, Anklage und Trauer überführen. Ihre Werke zeigen, dass Literatur nicht nur dokumentiert, sondern auch symbolische Gerechtigkeit herstellen kann.
Welche Bücher helfen, das Joola-Unglück besser zu verstehen? +
Besonders wichtig sind „Les veilleurs de Sangomar“ von Fatou Diome, das den Verlust und die Erinnerung aus einer spirituell-literarischen Perspektive behandelt, sowie „Un tombeau pour Kinne Gaajo“ von Boubacar Boris Diop, das die Katastrophe aus einer stärker urbanen und politischen Sicht beleuchtet. Ergänzend kann auch „Dans la tempête du Joola“ von Ari Gounongbe wertvolle Einblicke geben.