Worum geht es im Buch „Congo : Kinshasa allers-retours“?
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Dieses 96-seitige Buch aus der Reihe „L’Âme des Peuples“ ist ein poetischer, tiefgehender Text über die Demokratische Republik Kongo, insbesondere über Kinshasa. Colette Braeckman zeichnet den Kongo als lebendige Leinwand, in der Überlebenswillen und Einfallsreichtum die Grundlage einer vibrierenden Kultur bilden. Das Buch zeigt, wie das Land im Rhythmus der kongolesischen Rumba tanzt, singt und vibriert, erzählt vom Mut der Frauen, die von endlosen Kriegen gezeichnet sind, und von der ewigen Mütterlichkeit Afrikas. Es handelt sich nicht um einen Reiseführer, sondern um einen kulturellen „Decoder“, ergänzt durch Gespräche mit Isidore Ndaywel (Historiker), Maddy Tiembe (Soziologin) und Freddy Tsimba (Bildender Künstler). Ein Text voller der ungeheuren Energie der Kongolesinnen und Kongolesen.
Wer ist Colette Braeckman, die Autorin des Buches?
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Colette Braeckman ist eine international anerkannte belgische Journalistin, 1946 in Ixelles geboren. Viele Jahre war sie als große Reporterin im Auslandsressort der belgischen Zeitung „Le Soir“ tätig und berichtete über große Konflikte und humanitäre Krisen weltweit. Sie gilt als ausgewiesene Spezialistin für Zentralafrika, insbesondere für die Region der Großen Seen, Ruanda, Burundi und vor allem die Demokratische Republik Kongo. Seit Jahrzehnten bereist sie Kongo und Ruanda, war direkte Zeugin des Genozids von 1994 in Ruanda und hat die Ära Mobutu, die Kongokriege und zahlreiche Krisen begleitet. Als Autorin mehrerer Werke über die Großen Seen ist sie außerdem Kolumnistin bei „Le Monde diplomatique“. Ihre intime Kenntnis der Situation vor Ort und ihr humaner Blick machen sie zu einer Schlüsselfigur für das Verständnis des heutigen Kongo.
Was ist die Reihe „L’Âme des Peuples“?
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Die von den Éditions Nevicata herausgegebene Reihe „L’Âme des Peuples“ basiert auf dem Leitsatz: „Um Völker zu kennen, muss man sie zuerst verstehen.“ Es handelt sich um kurze Bücher von 96 Seiten, die in fein nuancierten Texten die tieferen Triebkräfte eines Landes, einer Region oder einer Stadt entschlüsseln. Jedes Buch verbindet einen persönlichen, literarischen Reisebericht mit prägnanten, erhellenden Interviews mit lokalen Expert:innen (Historiker:innen, Soziolog:innen, Künstler:innen, Schriftsteller:innen). Der Ansatz verknüpft Alltagsleben, aktuelle Politik, Geschichte und Kultur, um eine authentische, klischeefreie Perspektive zu vermitteln. Im Zentrum steht ein menschlicher, sensibler Zugang, durch den die „Seele“ eines Volkes sichtbar wird – erzählt von Autor:innen mit intensiver Felderfahrung.
Warum sind Kinshasa und die kongolesische Rumba kulturell so wichtig?
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Kinshasa, die 10–15 Millionen Einwohner:innen zählende Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo, ist das pulsierende Herz der kongolesischen – und weit darüber hinaus afrikanischen – Kultur. Die Stadt gilt als Wiege der kongolesischen Rumba, eines Musikstils aus den 1940er/1950er Jahren, der ganz Afrika erobert hat und bis heute die globale Musikszene beeinflusst. Die kongolesische Rumba wurde von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe anerkannt. Kinshasa zeichnet sich durch enorme kulturelle Vielfalt, überbordende künstlerische Kreativität (Musik, bildende Kunst, Mode, Tanz) und bemerkenswerte Resilienz aus. Lingála, die dort entstandene Verkehrssprache, hat sich in der multiethnischen Metropole als gemeinsame Sprache etabliert. Kinshasa steht sinnbildlich für afrikanische Energie: Die Stadt vibriert, tanzt und erfindet Lösungen im Angesicht alltäglicher Herausforderungen – ein Ort, an dem Lebenskunst und Lebensfreude neben harten Realitäten bestehen.
Geht das Buch auf Kolonialgeschichte und Kriege im Kongo ein?
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Ja, allerdings mit einer differenzierten, zutiefst menschlichen Herangehensweise. Colette Braeckman, die den Kongo bereits seit der Ära Mobutu journalistisch begleitet, spart schwierige Themen nicht aus. Das Buch verweist auf „Abenteurer direkt aus dem Herzen der Finsternis“ (eine Anspielung auf Joseph Conrad und die belgische Kolonialherrschaft), auf den Mut der Frauen, die von endlosen Kriegen gezeichnet sind, und auf die Entschlossenheit, Jahrzehnte des Schreckens zu überwinden. Zugleich ist es kein klassisches politisches Geschichtsbuch: Im Mittelpunkt stehen Resilienz, Einfallsreichtum und die Lebensenergie der kongolesischen Bevölkerung. Die Interviews mit Historiker Isidore Ndaywel liefern historischen Kontext, während die Beiträge der Soziologin Maddy Tiembe und des Künstlers Freddy Tsimba zeitgenössische Einblicke in Alltag und Kultur bieten. Entstanden ist ein erzählerischer Ansatz, der die Würde der Kongoles:innen in den Vordergrund rückt.
Für wen eignet sich dieses Buch über den Kongo?
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Das Buch richtet sich an ein breites französischsprachiges Publikum: an neugierige Reisende, die den Kongo vor oder nach einem Aufenthalt in Kinshasa jenseits medialer Klischees verstehen möchten; an Studierende der Politikwissenschaft, Internationalen Beziehungen, Anthropologie oder Afrikastudien, die einen humanistischen Zugang zu den Realitäten des Kongo suchen; an Liebhaber:innen Zentralafrikas und der Region der Großen Seen, die ihr Wissen vertiefen wollen; an Leser:innen, die literarische Reiseberichte und Reportagen vom Feld schätzen; sowie an Mitglieder der kongolesischen Diaspora, die in diesen Seiten die Seele ihres Landes wiedererkennen. Der poetische, zugleich gut zugängliche Stil von Colette Braeckman, gepaart mit journalistischer Genauigkeit, macht das Buch auch für Einsteiger:innen in das Thema Kongo sehr lesenswert.
Was bringt das Format „Erzählung + Interviews“ der Reihe?
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Das besondere Format der Reihe „L’Âme des Peuples“ sorgt für eine doppelte, sich ergänzende Perspektive. Der persönliche Bericht von Colette Braeckman verleiht dem Text eine literarische, sinnliche Dimension: Sie vermittelt Atmosphäre, Emotionen, Begegnungen und ihren geschärften Blick als Zeugin mehrerer Jahrzehnte kongolesischer Geschichte. Die drei anschließenden Interviews erweitern diese subjektive Sicht um lokale Expertise: Isidore Ndaywel (Historiker) ordnet die Ereignisse historisch ein, Maddy Tiembe (Soziologin) analysiert soziale Strukturen und aktuelle Herausforderungen, und Freddy Tsimba (Künstler) zeigt, wie Kunst als Widerstand und Ausdruck kongolesischer Identität funktioniert. Dieses Zusammenspiel vermittelt eine zugleich emotionale und analytische, individuelle und kollektive Sicht auf den Kongo – ein ganzheitlicher Ansatz, der die Komplexität von Land und Leuten ernst nimmt.