Das Buch „Underground Railroad“ von Colson Whitehead hat einen tiefgreifenden Bezug zu Afrika, da die gesamte Familiengeschichte der Protagonistin Cora dort ihren schmerzvollen Ursprung nimmt. Afrika wird im Roman nicht als ferne Idylle, sondern als der Ort des ursprünglichen Traumas und des Identitätsverlusts dargestellt.
1. Die Herkunft: Ajarry als Bindeglied
Der Roman beginnt nicht mit Cora, sondern mit ihrer Großmutter Ajarry. Sie ist die letzte in der Familie, die noch in Freiheit in Afrika gelebt hat. Whitehead schildert detailliert ihre Verschleppung aus einem Dorf im heutigen Benin (damals Dahomey). Durch ihre Perspektive wird die Verbindung zum Kontinent als eine Geschichte von Raub und Gewalt etabliert:
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Die Entführung: Ajarry wird bei einem Überfall auf ihr Dorf gefangen genommen.
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Der Todesmarsch: Ihr Vater wird auf dem Weg zur Küste getötet, weil er das Tempo nicht halten kann.
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Der Verkauf: An der Küste (in Ouidah) wird sie gegen Rum und Schießpulver eingetauscht.
2. Die „Middle Passage“ (Atlantiküberquerung)
Whitehead nutzt Ajarrys Geschichte, um das Grauen der Überfahrt von Afrika nach Amerika – die sogenannte Middle Passage – eindringlich zu beschreiben. Afrika ist in diesem Kontext der Ort, der „verloren“ geht. Die Sklavenschiffe wirken wie Maschinen, die Menschen in „Ware“ verwandeln. Ajarry versucht während der Überfahrt zweimal, sich das Leben zu nehmen, was den totalen Bruch mit ihrer afrikanischen Existenz verdeutlicht.
3. Verlust von Identität und Kultur
Ein zentrales Thema ist der systematische Entzug der afrikanischen Identität. In Amerika angekommen, werden die Afrikaner nach ihrem Nutzwert sortiert.
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Sprachverlust: Whitehead beschreibt, wie Gefangene bewusst von Menschen getrennt wurden, die dieselbe Sprache sprachen, um Aufstände zu verhindern.
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Kulturelles Erbe: Das einzige „afrikanische“ Erbe, das Cora bleibt, ist ein kleiner Gartenplot auf der Plantage, den Ajarry einst urbar gemacht hat. Dieser Flecken Erde symbolisiert den Funken Eigenständigkeit, der trotz der Verschleppung aus der Heimat bewahrt wurde.
4. Afrika als Mythos und Mahnung
Für Cora ist Afrika kein Ort, an den sie zurückkehren kann, sondern eine ferne Wurzel, die ihre aktuelle Situation erklärt. Der Roman zeigt auf, dass das moderne Amerika auf dem Diebstahl von Millionen Menschenleben aus Afrika aufgebaut wurde. Whitehead macht deutlich, dass die Diskriminierung und der Rassismus, die Cora erlebt, direkte Folgen dieses ersten Verbrechens – des Raubes aus Afrika – sind.
Zusammenfassend: Afrika ist in „Underground Railroad“ das Fundament der Erzählung. Es repräsentiert die geraubte Freiheit und den Ursprung einer generationenübergreifenden Kette aus Leid und Widerstand, die Coras gesamtes Leben bestimmt.
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