Der "Schwarze Sultan" und seine Geisterarmee (Marokko)
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Der Schwarze Sultan el-Akhal ist eine jener Gestalten des marokkanischen Volksglaubens, in denen sich Macht, Angst und Wüstenlandschaft zu einem düsteren Mythos verbinden.
Herkunft der Legende
In den Regionen um Marrakesch und im Süden Marokkos erzählen sich Menschen Geschichten vom sogenannten „Schwarzen Sultan“, oft mit dem Namen el-Akhal verbunden. Er wird als mächtiger, fast übermenschlicher Herrscher beschrieben, der eng mit den Dschinn und den unsichtbaren Kräften der Wüste verbunden ist.
Der Mythos: Pakt mit den Dschinn
Der Schwarze Sultan soll – so berichtet der Volksglaube – einen Pakt mit den Dschinn geschlossen haben, um unbesiegbar zu werden. Seine irdische Macht habe sich mit einer unsichtbaren Geisterarmee verbunden, sodass weder Feinde noch Aufständische gegen ihn bestehen konnten. Nach seinem Tod sei er nicht in die normale Welt der Toten eingetreten, sondern in die Unterwelt der Wüste hinabgestiegen, wo er bis heute an unterirdischen Palästen und Festungen bauen soll.
Die Geisterarmee und die Ruinen
Viele verlassene Kasbahs, eingestürzte Lehmmauern oder einsame Ruinen im Süden werden in lokalen Erzählungen dem Schwarzen Sultan zugeschrieben. Nachts meidet man solche Orte, weil man glaubt, dass dort seine unsichtbaren Wachen – Dschinn, die ihm dienen – patrouillieren und Eindringlinge erschrecken, in die Irre führen oder gar krank machen. Wer zwischen den Ruinen seltsame Geräusche, flüsternde Stimmen oder plötzliche Windböen hört, deutet dies nicht selten als Zeichen seiner Geisterarmee.
Moral und Botschaft
Die Geschichte warnt auf mehreren Ebenen. Sie mahnt Respekt vor Orten, die von der Gemeinschaft als „geladen“ oder gefährlich gelten, insbesondere Ruinen und abgelegene Stätten in der Wüste. Gleichzeitig erzählt sie von den Grenzen menschlicher Macht: Selbst ein Sultan, der mit Geistern paktiert, bleibt am Ende an die Welt der Dschinn gebunden und findet keinen Frieden. Die Legende erinnert daran, dass übertriebener Machthunger einen Preis hat – und dass manche Allianzen, gerade mit dem Unsichtbaren, nie folgenlos bleiben.
Hintergrund im lokalen Glauben
Im marokkanischen Volksislam und Amazigh-Glauben ist die Vorstellung von Dschinn, Schutzgeistern und „Herrschern“ der unsichtbaren Welt tief verwurzelt. Der Schwarze Sultan fügt sich als Figur in dieses Weltbild ein: Er ist weniger historische Person als mythologischer Knotenpunkt, an dem politische Gewalt, Wüstenerfahrung und spirituelle Angst zusammenlaufen. So bleibt er in Erzählungen lebendig – als Schattenherrscher einer zweiten, unsichtbaren Ebene der Realität, die man ernst nimmt, auch wenn man sie nicht sehen kann.