Die Schweiz besaß keine Kolonien im klassischen Sinn. Dennoch war sie auf vielfältige Weise mit der Geschichte des Kolonialismus verflochten: durch Handel und Finanznetzwerke, durch Missionen, durch die Zirkulation von Objekten, durch rassistische Vorstellungen und durch Erzählungen über Afrika und andere „Ferne“ Räume. In dieser monatlichen Auswahl stellen wir dir drei Bücher vor, die diese Geschichte aus ergänzenden Perspektiven beleuchten: Erinnerungsarbeit rund um die Sklaverei, die Präsenz von Objekten aus Benin in Schweizer Museen und einen literarischen Bericht, der Wahrnehmungen, Bewegungen und Imaginationen zwischen der Schweiz und Ägypten hinterfragt.
Warum zur Kolonialgeschichte der Schweiz lesen?
Lange Zeit hat sich die Schweiz als Randfigur des europäischen Kolonialismus verstanden. Viele historische Arbeiten und kulturelle Projekte zeigen heute jedoch, dass Verbindungen sehr wohl bestanden – über wirtschaftliche, missionarische, wissenschaftliche, kulturelle und politische Netzwerke. Lesen zu diesen Themen hilft zu verstehen, wie die Vergangenheit bis in die Gegenwart hineinwirkt: in Museen, in Ortsnamen, in bestimmten Bildern von Afrika, in Restitutionsdebatten und in Diskussionen über Rassismus und öffentliche Erinnerung.
Die drei vorgestellten Bücher sagen nicht genau dasselbe – und gerade darin liegt ihre Stärke. Eines arbeitet die Erinnerung an die Sklaverei von Schweizer Schauplätzen aus, eines beleuchtet die Frage afrikanischer Objekte in Schweizer Museen, und das dritte nutzt einen biografisch-literarischen Zugang, um Blicke, Zugehörigkeiten und Spuren der Vergangenheit zu befragen.
1. „Reise in Schwarz-Weiss“ – Schweizer Orte im Schatten der Sklaverei
Reise in Schwarz-Weiss von Hans Fässler ist ein zentrales Buch, um die Schweiz aus ihren Verflechtungen mit der Sklaverei und der atlantischen Geschichte heraus zu denken. Der Autor folgt konkreten Spuren – Adressen, Orten, Familien, Handelsnetzwerken und historischen Figuren – und zeigt, dass diese Geschichte weder fern noch abstrakt ist, sondern in ganz realen Schweizer Räumen eingeschrieben.
Das Buch ist essayistisch, gut zugänglich und politisch klar. Es macht sichtbar, wie Händler, Offiziere, Bankiers, Reisende und Unternehmen aus der Schweiz mit der Sklaverei verbunden waren, und stützt sich dabei auf eine sorgfältige historische Aufarbeitung. Besonders stark ist es für alle, die sich mit Erinnerungsarbeit, den Folgen des Sklavenhandels und der Frage befassen: Was sehen wir – und was weigern wir uns, zu sehen – in der Schweizer Geschichte?
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2. „In Bewegung“ – Objekte aus Benin, Schweizer Museen und postkoloniale Erinnerung
In Bewegung. Kulturerbe aus Benin in Schweizer Museen nimmt ein Thema in den Blick, das in aktuellen Debatten zentral geworden ist: die Präsenz afrikanischer Objekte in europäischen Sammlungen – hier konkret in der Schweiz. Der Sammelband widmet sich dem Kulturerbe des vorkolonialen Königreichs Benin, den Wegen der Objekte in die Schweiz, der Provenienzforschung, den Praktiken der Ausstellung und den Diskussionen über Restitution.
Besonders wertvoll ist, dass das Buch nicht bei der Frage des Objekts als bloßem Sammlungsstück stehen bleibt. Es zeigt, wie Museen, Forscher*innen, Partner in Nigeria und Mitglieder der Diaspora gemeinsam neue Wissensformen schaffen und das koloniale Erbe neu denken können. Für einen Newsletter über Kolonialgeschichte, Museen, Erinnerung und die Verflechtungen zwischen Afrika und Europa ist dies ein aktuelles und konkretes Schlüsselwerk.
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3. „Der ägyptische Heinrich“ – Familiengedächtnis, Schweiz und Ägypten
Der ägyptische Heinrich von Markus Werner eröffnet eine andere Perspektive: die eines halb historischen, halb literarischen Romans um Heinrich Bluntschli, den „ägyptischen Heinrich“. Über eine Familien- und Archivrecherche inszeniert der Text die Bewegungen zwischen der Schweiz und Ägypten, die Spuren der Vergangenheit, genealogische Erzählungen und die Weisen, wie Geschichte weitergegeben, überformt oder wiederkehrt.
Es ist kein reines Geschichtsbuch, sondern gerade ein literarischer Text, der den Blick erweitert. Er zeigt, dass Schweizer Imaginationen des „Anderen“, von Reisen, vom „Orient“, vom Fremden und von Erinnerung auch über Literatur, Humor, Familienarchive und ambivalente Erzählungen laufen. In dieser Auswahl ergänzt er die beiden anderen, stärker wissenschaftlichen Titel um eine biografische und narrative Dimension.
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Drei Zugänge zu einem Thema
Gemeinsam zeigen diese drei Bücher, dass die Kolonialgeschichte der Schweiz nicht auf einen einzigen Aspekt reduzierbar ist. Sie berührt die Erinnerung an die Sklaverei, wirtschaftliche und kulturelle Verflechtungen, die Objekte in Museen, die produzierten Bilder von Afrika und die Frage, wie sich die Schweizer Gesellschaft erinnert – oder erst beginnt, sich zu erinnern.
Diese Auswahl richtet sich an Leser*innen, die Kontinuitäten zwischen Vergangenheit und Gegenwart verstehen möchten, aber auch an diejenigen, die Bücher suchen, die Geschichte, Kultur, Politik und Literatur miteinander verknüpfen. Es sind drei Titel, mit denen du die Schweiz anders lesen kannst: nicht außerhalb der kolonialen Geschichte, sondern mitten in ihren Verflechtungen.
Du findest diese drei Bücher in unserer afrodiasporischen Buchhandlung in der Schweiz – und kannst deine eigene Auseinandersetzung mit kolonialen Erbschaften, transnationalen Bewegungen und Erinnerungen im Wandel vertiefen.