Die Eitle Schlange
Benin, Fon
Afrikanischer Humor ist reich, tief und oft sehr clever
Er spielt mit Ironie, Tiergeschichten, Doppeldeutigkeiten, und moralischen Umkehrungen, bei denen der Dumme meist der Schlaue ist.
Die Eitle Schlange
Benin (Volk der Fon)
Eitelkeit und Selbsttäuschung
Die Fabel
Am Ufer eines klaren Flusses glitt einst eine wunderschöne Schlange entlang. Die Sonne fiel auf ihre glänzenden Schuppen, und im Wasser spiegelte sich ihr Körper wie eine bewegte, funkelnde Kette. Zum ersten Mal sah sie sich selbst und war überwältigt von ihrer eigenen Schönheit.
„Wie herrlich ich doch aussehe!“, zischte sie stolz. Von diesem Tag an kam sie jeden Morgen zum Fluss, nur um ihr Spiegelbild zu betrachten. Stundenlang lag sie still im Gras und bestaunte, wie das Licht auf ihren Schuppen tanzte.
Doch während sie sich selbst bewunderte, vergaß sie die Welt um sich herum – die Geräusche, die Gerüche, die Gefahr. Eines Tages kam ein Reiher vorbei. Aus der Ferne sah die unbewegliche Form der Schlange wie ein Ast aus, der über dem Wasser schwebte. Der Reiher stürzte herab, um darauf zu landen – und im nächsten Moment hallte ein kurzer, erschrockener Schrei über den Fluss.
So endete die selbstverliebte Routine der Schlange – dort, wo sie einst ihr Spiegelbild suchte.
Moral der Geschichte
Eitelkeit macht blind – wer sich nur selbst betrachtet, verliert den Blick für die Wirklichkeit und wird leicht zur Beute seiner Illusionen.
Hintergrund der Geschichte
Diese Fabel stammt aus der mündlichen Überlieferung des Fon-Volkes in Benin, Westafrika. Geschichten wie diese wurden traditionell am Abend in Gemeinschaft erzählt – oft, um Kindern Werte beizubringen oder Erwachsene auf subtile Weise an menschliche Schwächen zu erinnern.
Die Schlange ist in der Fon-Mythologie eine vielschichtige Figur: Sie kann Weisheit und Schutz symbolisieren (wie die Gottheit Dan), aber auch Versuchung und Täuschung. In dieser Erzählung steht sie für den Menschen, der sich zu sehr auf äußere Schönheit verlässt und darüber seine Wachsamkeit verliert – eine zeitlose Mahnung, die auch in der modernen Welt nichts an Bedeutung verloren hat.
Weiterführende Links
Was diese Fabel erzählt
In vielen mündlichen Erzähltraditionen Afrikas verbinden Fabeln Unterhaltung mit genauer Beobachtung des menschlichen Verhaltens. Tiere sprechen, handeln und irren wie Menschen – und machen Eigenschaften wie Stolz, Eitelkeit, Gier oder Klugheit sichtbar.
Die Schlange ist dabei keine bloße Figur zum Auslachen. Ihre Selbstbewunderung wird zur Warnung: Wer nur noch das eigene Bild sieht, übersieht, was um ihn oder sie herum geschieht.
Gerade die Ironie macht die Geschichte einprägsam. Die Schlange hält inne, um ihre Schönheit zu bewundern – und wird dadurch verletzlich. So vermittelt die Fabel ihre Weisheit nicht belehrend, sondern durch eine überraschende Wendung.
Die Lektion bleibt zeitlos: Selbstvertrauen ist wertvoll, doch Eitelkeit kann den Blick für die Wirklichkeit verstellen.















