„Wenn der Weise lacht, hat er etwas verstanden.“ (Yoruba-Sprichwort)

Nach dem tiefen Tal | Das eigene Ankommen feiern

Nach dem tiefen Tal

Das eigene Ankommen feiern

Manchmal sehen andere nur, wo wir heute stehen. Sie sehen das Ergebnis, den neuen Alltag, die Arbeit, die Familie, das eigene Geschäft oder den Schritt, den wir endlich gewagt haben. Doch sie sehen nicht immer die Zweifel, die Umwege und die schweren Tage, die hinter uns liegen.

Für viele Menschen in der afrikanischen Diaspora ist der eigene Weg mit unterschiedlichen Erfahrungen verbunden: mit dem Leben zwischen Ländern und Sprachen, mit mehreren Zugehörigkeiten, mit Erwartungen der Familie und mit dem Wunsch, sich etwas Eigenes aufzubauen. Manche mussten sich in einer neuen Umgebung zurechtfinden. Andere haben Verluste erlebt, Verantwortung übernommen oder lange auf eine Möglichkeit hingearbeitet, die für andere selbstverständlich schien. Jeder Lebensweg ist anders. Aber viele kennen dieses Gefühl, weiterzugehen, obwohl noch nicht klar ist, wann sich die Mühe auszahlen wird.

Eine Hausa-Weisheit sagt: „Komai nisan dare, gari zai waye“ – „Wie lang die Nacht auch ist, der Morgen wird anbrechen.“ Das Sprichwort verspricht nicht, dass die Nacht kurz oder leicht sein wird. Es sagt auch nicht genau, wann der Morgen kommt. Es erinnert schlicht daran, dass die Nacht nicht für immer bleibt.

Wenn der Morgen noch fern scheint

Wer gerade in einem tiefen Tal steckt, braucht nicht unbedingt grosse Worte. Vielleicht ist da gerade kein sichtbarer Erfolg, kein klarer Plan und keine Kraft für lange Zukunftsbilder. Vielleicht geht es nur darum, den heutigen Tag zu bewältigen: aufzustehen, einen Anruf zu machen, eine Bewerbung abzuschicken, für jemanden da zu sein oder sich selbst ein wenig Ruhe zu gönnen.

Auch das kann ein Schritt sein.

Hoffnung bedeutet nicht, sich einzureden, dass alles gut ist. Sie bedeutet nicht, Schmerz zu übergehen oder so zu tun, als wären Hindernisse leicht zu überwinden. Hoffnung kann viel leiser sein: der Gedanke, dass die jetzige Lage nicht die ganze Geschichte sein muss. Dass es trotz Erschöpfung noch einen nächsten kleinen Schritt geben kann. Und dass man diesen Weg nicht immer allein gehen muss.

Die Hausa-Weisheit vom Morgen ist deshalb keine Aufforderung, das Leiden schönzureden. Sie kann vielmehr eine Hand auf der Schulter sein: Du musst noch nicht wissen, wie der ganze Weg weitergeht. Für heute reicht vielleicht der nächste Schritt.

Kleine Schritte zählen

Eine weitere Weisheit, die in Ghana überliefert wird, lautet: „Lass nicht zu, dass das, was du nicht tun kannst, dich von dem abhält, was du tun kannst.“

Manchmal ist der Abstand zwischen dem, wo wir stehen, und dem, wo wir hinmöchten, so gross, dass wir kaum anfangen können. Dann hilft es, nicht den ganzen Berg auf einmal anzuschauen. Was ist heute möglich? Wen könnte ich um Unterstützung bitten? Was kann ich lernen, vorbereiten oder ausprobieren? Vielleicht ist der Schritt klein und unscheinbar. Trotzdem kann er der Anfang von etwas sein.

Viele Wege entstehen nicht durch einen einzigen grossen Sprung. Sie entstehen durch Entscheidungen, die sich im Alltag wiederholen: noch einmal anfangen, nach einem Rückschlag weiterlernen, eine Gelegenheit annehmen oder eine eigene Grenze ernst nehmen. Nicht jeder Schritt führt sofort sichtbar nach oben. Manche Schritte geben uns Zeit, Kraft oder Orientierung zurück. Auch das kann wichtig sein.

Dabei muss Erfolg nicht für alle dasselbe bedeuten. Für die eine Person ist es ein Abschluss oder eine berufliche Veränderung. Für die andere bedeutet es, in einem neuen Land ein Gefühl von Zuhause zu entwickeln, die eigene Sprache weiterzugeben oder eine schwierige Lebensphase zu überstehen. Vielleicht ist es auch der Mut, einen anderen Weg zu wählen, als andere von einem erwarten.

Kein Zustand bleibt für immer

Der Schriftsteller Chinua Achebe griff in seinen Überlegungen zu Igbo-Weisheiten den Gedanken auf: „Kein Zustand ist für immer.“ Er steht in einer Tradition, die Veränderung und Bewegung als Teil des Lebens betrachtet.

Dieser Gedanke kann trösten – und zugleich daran erinnern, dass auch gute Zeiten nicht selbstverständlich sind. Wenn wir aus einem schwierigen Abschnitt herausfinden, dürfen wir die Erleichterung geniessen. Wenn wir etwas erreicht haben, dürfen wir stolz sein. Wir müssen den eigenen Erfolg nicht kleinreden, nur weil noch andere Ziele offen sind.

Vielleicht hast du lange auf diesen Moment hingearbeitet. Vielleicht hat dich jemand unterstützt. Vielleicht hast du Hilfe angenommen, obwohl dir das nicht leichtfiel. Oder du hast immer wieder neu begonnen, ohne sicher zu wissen, ob es diesmal klappen würde. Was auch immer auf deinem Weg eine Rolle gespielt hat: Du darfst anerkennen, dass du heute an einem anderen Ort bist als damals.

Das bedeutet nicht, dass alles hinter dir liegt. Manche Erfahrungen bleiben Teil unserer Geschichte. Manche Fragen sind noch offen, und manche Herausforderungen kommen wieder. Aber das Erreichte wird dadurch nicht weniger wertvoll. Ein erfolgreicher Schritt muss nicht alle Schwierigkeiten lösen, um gefeiert werden zu dürfen.

Stolz und Hoffnung teilen

Für Menschen in der Diaspora kann ein Erfolg auch eine Verbindung zwischen Generationen sein: zu den Menschen, die vor uns kamen, zu jenen, die uns begleitet haben, und zu den Jüngeren, die unseren Weg beobachten. Das soll keine zusätzliche Pflicht sein, immer stark oder ein Vorbild sein zu müssen. Niemand muss seine Erschöpfung verbergen, um andere zu inspirieren. Doch manchmal kann es kraftvoll sein, ehrlich zu erzählen: Es war nicht immer leicht – und trotzdem bin ich weitergegangen.

Wenn du gerade oben auf einem Hügel stehst, nimm dir einen Moment, um zurückzuschauen. Nicht, um dich mit anderen zu vergleichen, sondern um zu erkennen, was du getragen, gelernt und geschafft hast. Feiere nicht nur den grossen Meilenstein. Feiere auch die Ausdauer, die kleinen Fortschritte und die Menschen, die dich auf deinem Weg begleitet haben.

Und wenn du noch im Tal bist: Du musst dich nicht schämen, weil dein Morgen noch nicht sichtbar ist. Vergleiche deine schwierigste Zeit nicht mit dem sichtbaren Erfolg anderer. Niemand kennt den ganzen Weg eines anderen Menschen. Vielleicht ist heute nur ein kleiner Schritt möglich. Vielleicht brauchst du zuerst eine Pause oder die Unterstützung eines Menschen, dem du vertraust. Auch das gehört zum Weitergehen.

Die Nacht kann lang sein. Aber du bist nicht verpflichtet, schon jetzt den ganzen Weg bis zum Morgen zu kennen.

Und wenn der Tag kommt – in kleinen Zeichen oder als grosse Veränderung –, darfst du sagen: Ich habe etwas geschafft. Ich bin noch unterwegs, aber ich bin weitergekommen. Und darauf bin ich stolz.

Was hast du erreicht, auf das du heute mit Dankbarkeit und Stolz zurückblickst? Und falls du gerade noch im Tal bist: Welcher kleine Schritt könnte dir heute guttun?

Weiterführende Links

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