Die Rekonstruktion des Atlantischen Zeitalters
Afrikanische Historiographie, sozioökonomische Transformationen und das Erbe des Sklavenhandels
Was Sie in diesem Artikel lernen
- Neue Perspektive auf den Dreieckshandel: Wie afrikanische Historiker den transatlantischen Sklavenhandel dekonstruieren, Afrika als handelnden Akteur sichtbar machen und den Dreieckshandel als verflochtenes, nicht lineares System inner- und transkontinentaler Gewalt rekonstruieren.
- Quellenrevolution in der Historiographie: Welche Rolle mündliche Überlieferungen, Archäologie, arabische Manuskripte, Ego-Dokumente und Gerichtsakten für eine dekolonisierte Geschichtsschreibung spielen – und wie sie europäische Archivquellen korrigieren und ergänzen.
- Afrikanische Konzepte von Unfreiheit: Wie vorkoloniale Formen von Abhängigkeit (Pfandschaft, Kriegsgefangene, indigene Sklaverei) funktionierten, worin sie sich von der atlantischen Chattel-Slavery unterschieden und warum diese Differenz zentral für das Verständnis afrikanischer Elitenpolitik ist.
- Der Dreieckshandel „von innen“: Wie Märkte wie Salaga, regionale Handelsnetzwerke und der Waffenhandel den ersten „Schenkel“ des Dreiecks im Inneren Afrikas bildeten und warum Militarisierung, Razzien und Zwischenhändler-Strukturen den Kontinent langfristig destabilisierten.
- Demographischer Aderlass und soziale Verwerfungen: Welche Folgen der Verlust von Millionen junger Menschen für Bevölkerungsentwicklung, Geschlechterverhältnisse, Familienstrukturen und Arbeitsorganisation hatte – von Polygynie bis zu neuen matrilinearen Systemen.
- Politische Fragmentierung und Misstrauen: Wie der Sklavenhandel institutionelles Vertrauen zerstörte, kleine defensive Politikeinheiten hervorbrachte und bis heute mit niedrigerem sozialem Vertrauen und schwächeren Institutionen korreliert.
- Widerstand, Maroons und Handlungsmacht: Welche Formen des Widerstands afrikanische Gemeinschaften im Inland, an der Küste und auf dem Atlantik entwickelten und wie Maroon-Gesellschaften in der Diaspora politische, spirituelle und kulturelle Gegenentwürfe schufen.
- Erinnerungsorte und „wounded places“: Wie Elmina, Gorée und andere Küstenorte zu gelebten Archiven wurden, in denen touristische Narrative, lokale Spiritualität und panafrikanische Gedenkrituale aufeinandertreffen.
- Panafrikanische Versöhnung und Reparationen: Wie Initiativen wie Ghanas „Year of Return“ und die von der Afrikanischen Union ausgerufene „Jahr der Gerechtigkeit durch Reparationen“-Agenda den Atlantikraum neu politisieren und Reparationen als umfassende, strukturelle Gerechtigkeit denken.
Warum dieser Artikel wichtig ist: Er zeigt, wie afrikanische Historiker das Atlantische Zeitalter aus der Perspektive des Kontinents neu schreiben – indem sie Quellen dekolonisieren, soziale und politische Langzeitfolgen des Sklavenhandels freilegen und aktuelle Debatten um Erinnerung, Versöhnung und Reparationen in einen historischen Zusammenhang stellen.
📍 Region: West- und Zentralafrika / Atlantikraum | ⏳ Zeitspanne: 15.–21. Jahrhundert (vom frühen atlantischen Handel bis zur aktuellen Reparationsdebatte)
Inhaltsverzeichnis ▼
- Dreieckshandel der Sklaverei
- Historiographische Dekolonisierung und die Macht der Quellen
- Die Transformation indigener Gesellschaften und das Konzept der Abhängigkeit
- Der Mechanismus des „Dreieckshandels“ auf afrikanischem Boden
- Sozioökonomische Verwerfungen und der demographische Aderlass
- Politische Fragmentierung und der Verlust des institutionellen Vertrauens
- Widerstand und Handlungsmacht: Die afrikanische Antwort auf die Krise
- Die Geographie der Erinnerung: Elmina, Gorée und der „Wounded Place“
- Das „Year of Return“ und die Politik der panafrikanischen Versöhnung
- Reparationsforderungen und die Zukunft der globalen Gerechtigkeit
- Zusammenfassende Schlussbetrachtung
Dreieckshandel der Sklaverei
Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem transatlantischen Sklavenhandel, oft als Dreieckshandel bezeichnet, hat in den letzten Jahrzehnten eine grundlegende Transformation erfahren. Während die traditionelle Geschichtsschreibung primär europäische Archivquellen und Handelsstatistiken in den Fokus rückte, hat eine neue Generation afrikanischer Historiker an Institutionen wie der University of Ghana, der University of Ibadan und der Université Cheikh Anta Diop (UCAD) in Dakar eine radikale Neuperspektivierung vorgenommen. Diese afrozentrische Herangehensweise betrachtet Afrika nicht länger als passives Objekt einer globalen Tragödie, sondern als einen Raum komplexer Handlungsmacht, in dem lokale Akteure, politische Strukturen und soziale Normen aktiv mit den atlantischen Kräften interagierten, diese mitgestalteten und letztlich durch sie fundamental verändert wurden. Die vorliegende Analyse dekonstruiert den Begriff des Dreieckshandels aus afrikanischer Sicht und untersucht die tiefgreifenden Auswirkungen auf die Demographie, die politischen Institutionen und das soziokulturelle Gefüge des Kontinents.
Historiographische Dekolonisierung und die Macht der Quellen
Die Rekonstruktion der afrikanischen Erfahrung während der Ära des Sklavenhandels erfordert eine methodische Erweiterung des Quellenkanons. Afrikanische Historiker kritisieren, dass europäische Dokumente – wie Kapitänslogbücher, Missionsberichte und koloniale Verwaltungsakten – oft nur die Oberfläche des Geschehens berühren und die menschliche Dimension sowie die internen afrikanischen Dynamiken vernachlässigen. Um diese Leerstellen zu füllen, nutzt die moderne Forschung ein interdisziplinäres Spektrum an Quellen.
Mündliche Überlieferungen (Oral Traditions) spielen hierbei eine zentrale Rolle. Sie dokumentieren nicht nur die Namen und Schicksale der Verschleppten, sondern auch die kollektiven Traumata und die Bewältigungsstrategien der Gemeinschaften. In Ghana und Senegambia bieten diese mündlichen Archive detaillierte Einblicke in die soziale Identität von Sklaven und ihre Integration in oder Ausgrenzung aus Verwandtschaftsgruppen. Ergänzt wird dies durch archäologische Untersuchungen in Küstenforts wie Elmina oder auf Gorée Island, die materielle Beweise für die Lebensbedingungen, die Handelswaren und die physischen Barrieren der Gefangenschaft liefern.
Ein oft unterschätzter Bereich sind die arabischen Manuskripte und lokalen Chroniken, insbesondere aus Nordnigeria und dem Sahel. Diese Dokumente beleuchten die rechtlichen Rahmenbedingungen der Sklaverei im Kontext des Islam, die Praxis der Manumission (Freilassung) und die Rolle von Sklaven als kommerzielle Agenten oder militärische Eliten.
| Quellentyp | Wissenschaftliche Relevanz | Regionale Beispiele |
| Mündliche Überlieferungen | Rekonstruktion von Familienbiographien und Widerstandsformen |
Asante (Ghana), Senegambia |
| Archäologische Funde | Dokumentation des materiellen Lebens und der Handelswege |
Elmina Castle, Gorée Island |
| Arabische Manuskripte | Analyse rechtlicher und religiöser Diskurse über Unfreiheit |
Sokoto-Kalifat, Nord-Nigeria |
| Ego-Dokumente | Erste-Hand-Berichte über Gefangennahme und Verschleppung |
Olaudah Equiano, Mahommah Baquaqua |
| Koloniale Gerichtsakten | Untersuchung von Freilassungsanträgen und sozialen Statuswechseln |
Nationalarchiv des Senegal |
Die Transformation indigener Gesellschaften und das Konzept der Abhängigkeit
Ein entscheidender Beitrag der afrikanischen Historiographie, angeführt von Wissenschaftlern wie Akosua Perbi, ist die Differenzierung zwischen vorkolonialen afrikanischen Formen der Abhängigkeit und der durch den Transatlantikhandel eingeführten Chattel-Sklaverei. Vor dem 15. Jahrhundert war Sklaverei in vielen afrikanischen Gesellschaften ein System der sozialen Inkorporation. Sklaven wurden oft als „kinless outsiders“ betrachtet, deren Status jedoch nicht notwendigerweise permanent oder erblich war.
In der Goldküste (heutiges Ghana) unterschied Perbi fünf Kategorien der Unfreiheit, die von temporärer Pfandschaft (Pawning) bis hin zur permanenten Sklaverei reichten. Ein wesentlicher Unterschied zum amerikanischen System war das Recht der Unfreien auf Eigentum, Heirat und in einigen Fällen sogar den Aufstieg in administrative Ämter. Der transatlantische Handel pervertierte diese Systeme. Mit der steigenden Nachfrage nach Arbeitskräften für die Plantagenökonomien der Neuen Welt wurden Menschen zunehmend zur reinen Ware deklassiert, und traditionelle rechtliche Mechanismen wurden missbraucht, um den Exportbedarf zu decken.
| Status | Charakteristika nach afrikanischem Verständnis | Rechte und Mobilität |
| Servant (Diener) | Oft freiwillige Unterordnung aus ökonomischer Not |
Hohe soziale Integration |
| Pawn (Pfand) | Person als Sicherheit für Schulden |
Status endet mit Rückzahlung |
| War Captive | In Konflikten erbeutet; oft für den Export bestimmt |
Geringe lokale Rechte |
| Indigenous Slave | In die Verwandtschaftsgruppe inkorporiert |
Kann Eigentum erwerben |
| Transatlantic Slave | Reduziert auf „Chattel“ (Sacheigentum) |
Keine Rechte; erblicher Status |
Diese begriffliche Schärfe ist notwendig, um zu verstehen, warum afrikanische Eliten anfangs bereit waren, am Handel teilzunehmen: Sie sahen darin eine Erweiterung ihrer eigenen ökonomischen und politischen Machtlogiken. Erst mit der Zeit erkannten viele Gemeinschaften die destabilisierende Wirkung des industriell betriebenen Menschenraubs.
Der Mechanismus des „Dreieckshandels“ auf afrikanischem Boden
Die eurozentrische Perspektive beschreibt den Dreieckshandel oft als einen reibungslosen Austausch von Fertigwaren gegen Menschen. Aus afrikanischer Sicht war dieser Prozess jedoch durch komplexe Verhandlungen, militärische Allianzen und interne Handelsnetzwerke gekennzeichnet. Europäische Händler blieben meist an der Küste in befestigten Stützpunkten und waren auf afrikanische Mittelsmänner angewiesen, die Sklaven aus dem Landesinneren heranführten.
Historiker wie Ibrahima Thioub betonen, dass der „erste Schenkel“ dieses Dreiecks oft ein rein innerafrikanischer Handel war. Sklaven wurden auf großen Märkten wie Salaga in Ghana gegen Kolanüsse, Gold oder Salz getauscht, bevor sie die Küste erreichten. Mit der Intensivierung des atlantischen Handels wurde dieser Prozess zunehmend militarisiert. Feuerwaffen wurden zu einer zentralen Handelswährung, was einen verheerenden Teufelskreis auslöste: Staaten benötigten Gewehre, um sich gegen Razzien zu schützen, und konnten diese Gewehre nur erwerben, wenn sie selbst Sklaven verkauften.
Die geografische Verteilung der Sklavenexporte zeigt die unterschiedliche Betroffenheit der Regionen.
Exportregion: West-Zentralafrika
Primäre Einzugsgebiete: Kongo, Angola
Anteil am Gesamthandel: ca. 27 %
Exportregion: Bight of Biafra
Primäre Einzugsgebiete: Südost-Nigeria, Kamerun
Anteil am Gesamthandel: ca. 17 %
Exportregion: Gold Coast
Primäre Einzugsgebiete: Ghana
Anteil am Gesamthandel: ca. 12 %
Exportregion: Senegambia
Primäre Einzugsgebiete: Senegal, Gambia, Guinea
Anteil am Gesamthandel: ca. 22 %
Exportregion: Sierra Leone
Primäre Einzugsgebiete: Guinea, Sierra Leone
Anteil am Gesamthandel: ca. 11 %
Der Transport zur Küste war für die Gefangenen oft ebenso tödlich wie der Middle Passage selbst. Viele starben an Entkräftung, Unterernährung oder in den berüchtigten Barracoons (Sklavenpferchen), während sie auf die Ankunft der europäischen Schiffe warteten.
Sozioökonomische Verwerfungen und der demographische Aderlass
Die langfristigen Auswirkungen des Sklavenhandels auf die wirtschaftliche Entwicklung Afrikas sind immens. Wissenschaftler argumentieren, dass der Verlust von Millionen junger, arbeitsfähiger Menschen einen massiven „Brain Drain“ darstellte. Handwerker, Metallurgen, Landwirte und Intellektuelle wurden gewaltsam aus ihren produktiven Kontexten gerissen, was die technologische Innovation und die landwirtschaftliche Produktivität auf dem Kontinent für Jahrhunderte lähmte.
Es besteht ein wissenschaftlicher Konsens darüber, dass der Sklavenhandel die Basis für die spätere koloniale Ausbeutung legte. Durch die Schwächung der sozialen Strukturen und die Vernichtung von Humankapital wurden afrikanische Gesellschaften verwundbar gegenüber externen Eroberungen. Studien schätzen, dass die Bevölkerung Afrikas ohne den Sklavenhandel heute um etwa 112 Millionen Menschen größer wäre. Dieser demographische Schock betraf nicht nur die absolute Zahl, sondern auch die Altersstruktur und das Geschlechterverhältnis.
Gender-Ungleichgewichte und die Transformation der Familie
Da europäische Käufer primär männliche Sklaven für die harte Plantagenarbeit in den Amerikas bevorzugten, entstand in vielen westafrikanischen Regionen ein signifikanter Frauenüberschuss. Dies hatte weitreichende Konsequenzen für das soziale Gefüge. Die Prävalenz von Polygynie (Vielweiberei) nahm dramatisch zu, da Frauen als Arbeitskräfte in der lokalen Landwirtschaft und für die Reproduktion der Gemeinschaft unverzichtbar blieben.
Interessanterweise deuten Forschungen darauf hin, dass die Zunahme matrilinealer Verwandtschaftssysteme (Abstammung über die weibliche Linie) in einigen Gebieten eine adaptive Reaktion auf den Sklavenhandel war. In einer Umgebung, in der Väter häufig durch Kriege oder Verschleppung abwesend waren, bot die matrilineale Struktur eine größere Sicherheit für die Kontinuität der Linie und den Schutz der Kinder. Gleichzeitig führte der Mangel an Männern dazu, dass Frauen verstärkt ökonomische Rollen übernahmen, was die Geschlechternormen in Regionen wie Ghana und Nigeria nachhaltig prägte.
Politische Fragmentierung und der Verlust des institutionellen Vertrauens
Eines der subtilsten, aber verheerendsten Erben des Sklavenhandels ist die Erosion des sozialen und politischen Vertrauens. Die Forschung von Nathan Nunn und Leonard Obikili zeigt eine direkte Korrelation zwischen der historischen Intensität des Sklavenexports und dem heutigen Grad an politischer Fragmentierung in afrikanischen Dörfern und Städten.
Der Sklavenhandel schuf Möglichkeiten zur persönlichen Bereicherung für jeden, der in der Lage war, Razzien oder Entführungen zu organisieren. Dies führte zu einer tiefen Spaltung innerhalb der Gemeinschaften. In vielen Gebieten zerfielen größere staatliche Einheiten in kleine, fragmentierte Gruppen, die primär auf Verteidigung ausgerichtet waren. Dieses Misstrauen – sowohl gegenüber Nachbargruppen als auch innerhalb der eigenen Gemeinschaft – behinderte die Entwicklung stabiler politischer Institutionen und kollektiver Entscheidungsmechanismen.
| Politischer Effekt | Mechanismus der Entstehung | Langfristige Konsequenz |
| Institutionelle Fragmentierung |
Kleine Einheiten zur besseren Verteidigung und Kontrolle |
Erschwerte Bildung nationaler Koalitionen nach der Unabhängigkei |
| Erosion des Vertrauens |
Angst vor Verrat durch Nachbarn oder Verwandte (Kidnapping) |
Geringeres zwischenmenschliches Vertrauen korreliert mit geringerem BI |
| Militarisierung der Macht |
Aufstieg von „Warlords“ und militärischen Eliten |
Tradition von autoritärer Herrschaft und Staatsstreichen |
| Rent-Seeking-Kultur |
Fokus auf Extraktion (Menschen) statt Produktion |
Korruption und ineffektive ökonomische Institutionen |
Widerstand und Handlungsmacht: Die afrikanische Antwort auf die Krise
Es wäre ein historiographischer Fehler, die afrikanische Reaktion auf den Sklavenhandel auf Kollaboration oder Opferstatus zu reduzieren. Widerstand war eine allgegenwärtige Konstante, die von individuellen Akten bis hin zu großflächigen politischen Bewegungen reichte.
Im Landesinneren entwickelten Gemeinschaften wie die Soninke von Gajaaga komplexe Identitäten, die auf dem kollektiven Widerstand gegen Sklavenkarawanen basierten. Sie nutzten ihr diplomatisches und religiöses Kapital, um sich gegen europäische und arabische Händler zu behaupten, erhoben Steuern auf den Durchgang von Karawanen oder befreiten Gefangene gewaltsam. Andere Völker bauten befestigte Siedlungen in unzugänglichen Gebieten oder entwickelten ausgeklügelte Warnsysteme.
An Bord der Schiffe während des Middle Passage manifestierte sich der Widerstand in Form von Hungerstreiks, Suiziden (oft als spirituelle Heimkehr verstanden) und bewaffneten Meutereien. In den Amerikas führten diese Widerstandsformen zur Gründung von Maroon-Gemeinschaften (wie Palmares in Brasilien), die afrikanische Sprachen, Religionen und soziale Strukturen bewahrten und so eine Brücke zurück zum Kontinent schlugen.
Die Geographie der Erinnerung: Elmina, Gorée und der „Wounded Place“
Die materiellen Überreste des Sklavenhandels an der afrikanischen Küste fungieren heute als zentrale Orte der kollektiven Identitätsfindung und der globalen Erinnerung. Elmina Castle in Ghana und die Île de Gorée im Senegal sind nicht nur Museen, sondern „wounded places“ – Orte, die eine tiefe spirituelle und emotionale Last tragen.
In der lokalen Erinnerungskultur von Elmina wird das Schloss als lebendiges Archiv betrachtet. Älteste und traditionelle Führer bewahren orale Geschichten über „Geisterzonen“ im Schloss, in denen die Ahnen noch immer präsent sind. Diese lokalen Narrative unterscheiden sich oft signifikant von den offiziellen touristischen Führungen. Während Letztere die Fakten des Handels betonen, konzentriert sich die lokale Erinnerung auf Rituale der Reinigung und des Gedenkens, wie das Gießen von Trankopfern (Libationen) an der „Tür ohne Wiederkehr“.
Die Namensgebung von Kindern in diesen Küstenregionen dient ebenfalls als lebendiges Memorial. Namen, die sich auf das Überleben im Schloss oder auf spirituelle Gewässer beziehen, betten die Geschichte des Sklavenhandels direkt in die persönliche Identität der Nachfahren ein. Diese Praktiken verdeutlichen, dass der Sklavenhandel in Afrika keine abgeschlossene historische Episode ist, sondern ein andauernder Prozess der Heilung und der Einforderung von Gerechtigkeit.
Das „Year of Return“ und die Politik der panafrikanischen Versöhnung
Im Jahr 2019, dem 400. Jahrestag der Ankunft der ersten versklavten Afrikaner in Virginia, lancierte die ghanaische Regierung die Initiative „Year of Return“. Dieses Projekt markiert eine neue Phase der Beziehung zwischen dem afrikanischen Kontinent und seiner globalen Diaspora. Es geht darum, Ghana als spirituelle Heimat für Afroamerikaner und Menschen afrikanischer Abstammung weltweit zu positionieren.
Wissenschaftliche Analysen dieser Kampagne zeigen jedoch ein komplexes Bild. Während das „Year of Return“ eine enorme emotionale Resonanz erzeugte und den Tourismus beflügelte, gibt es Spannungen zwischen den Erwartungen der Rückkehrer und den Realitäten der lokalen Bevölkerung. Die ökonomische Kommerzialisierung der Sklavengeschichte wird von einigen afrikanischen Intellektuellen kritisch gesehen, die eine tiefere Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle im Handel fordern. Dennoch bleibt die Initiative ein kraftvolles Symbol für die Überwindung der durch den Dreieckshandel verursachten Trennung.
Reparationsforderungen und die Zukunft der globalen Gerechtigkeit
Die Debatte über Reparationen für den Sklavenhandel ist heute ein zentrales Thema der afrikanischen Diplomatie. Die Afrikanische Union hat 2025 zum „Jahr der Gerechtigkeit durch Reparationen“ erklärt. Dabei geht es nicht nur um finanzielle Entschädigung, sondern um eine umfassende „reparative Gerechtigkeit“.
Der von der CARICOM (Karibische Gemeinschaft) formulierte 10-Punkte-Plan dient oft als Vorbild, wird aber im afrikanischen Kontext um spezifische Forderungen wie die Rückgabe geraubter Kulturgüter und die Unterstützung bei der Bewältigung der durch den Sklavenhandel mitverursachten ökonomischen Krisen ergänzt.
| Kernforderung der Reparationsbewegung | Zielsetzung | Kontext der Forderung |
| Formelle Entschuldigung | Anerkennung der historischen Schuld und des Unrechts |
Bruch mit der Kultur des Leugnens |
| Schuldenerlass | Ausgleich für Jahrhunderte der Unterentwicklung |
Zusammenhang zwischen Sklaverei und heutiger Schuldenlast |
| Technologietransfer | Unterstützung der ökonomischen Souveränität |
Kompensation für den historischen „Brain Drain“ |
| Restitution von Kulturgütern | Wiederherstellung der kulturellen Identität |
Pillage während der Versklavung und Kolonisation |
| Psychologische Rehabilitation | Heilung intergenerationaler Traumata |
Bewältigung der Folgen systemischen Rassismus |
Historiker wie Ibrahima Thioub mahnen jedoch an, dass Reparationen nicht nur ein Akt zwischen Staaten sein dürfen, sondern auch die internen afrikanischen Stigmata und sozialen Bruchlinien adressieren müssen, die durch die Geschichte der Sklaverei entstanden sind. Die Diskriminierung von Sklavennachfahren in einigen westafrikanischen Gesellschaften bleibt ein sensibles Thema, das eine innerafrikanische Aussöhnung erfordert.
Zusammenfassende Schlussbetrachtung
Der Dreieckshandel war weit mehr als ein ökonomisches Austauschsystem; er war eine globale Katastrophe, die den Kurs der afrikanischen Geschichte fundamental veränderte. Durch die Linse afrikanischer Quellen wird deutlich, dass die Auswirkungen weit über die 12,5 Millionen deportierten Menschen hinausgehen. Die Entvölkerung, die politische Fragmentierung, die Transformation der Geschlechterrollen und die tiefe Erosion des institutionellen Vertrauens bilden ein Erbe, das die ökonomische und soziale Realität des Kontinents bis heute prägt.
Die moderne afrikanische Historiographie hat durch die Integration von Oralität, Archäologie und indigenen Wissenssystemen einen Raum geschaffen, in dem Afrika als Subjekt seiner eigenen Geschichte erscheint. Die aktuellen Bewegungen zur Erinnerungskultur und die Forderungen nach Reparationen sind Ausdruck eines erstarkten panafrikanischen Bewusstseins, das die Aufarbeitung der Vergangenheit als notwendige Bedingung für eine selbstbestimmte Zukunft betrachtet. Die Heilung des „wounded place“ Afrika erfordert eine globale Anerkennung der historischen Wahrheit und eine strukturelle Transformation der Weltordnung, die noch immer auf den Fundamenten jenes grausamen Handels ruht.
Weiterführende Links
Blogs
- Blog: Die Schwarzen Königreiche des Widerstands: Geschichte, Souveränität und das komplexe Erbe der Maroons in der Neuen Welt
- Blog: Panafrikanismus: Ein Weg zur Einheit und Stolz
- Blog: Kongo | König Leopold II. von Belgien
- Blog: Die Paradoxie der Repatriierung: Liberia und die Fundamente des Siedlerkolonialismus in Westafrika (1816–1980)
- Blog: Soumaoro Kanté und das Erbe von Sosso
- Blog: Benin | Wiege des Voodoo und Afrikanischer Kultur
- Blog: Die Legende der Angolares | Eine tiefgreifende Analyse von Marronage, Widerstand und kultureller Identität in São Tomé und Príncipe
Bücher
- Buch: Geschichte der Sklaverei | Andreas Eckert
- Buch: Les routes de l'esclavage | Catherine Coquery-Vidrovitch
- Buch: American Slavery - A very short introduction
- Buch: Un monde en nègre et blanc | Aurélia Michel Née
- Buch: Ni chaînes ni maîtres | Audrey Mafouta-Bantsimba
- Buch: Une histoire du Vodoun. | L'acte de vivre | Arnaud Zohou
- Buch: Un océan, deux mers, trois continents | Wilfried N’Sondé
- Buch: La saison de l'ombre | Léonora Miano
Kollektionen
- Kollektion: Ghana – Perle Westafrikas | Bücher & Accessoires aus Ghana
- Kollektion: Senegal – Literatur, Kultur und Gastfreundschaft entdecken
- Kollektion: Gambia – Literatur, Kultur und Traditionen am Fluss
- Kollektion: Kongo-Kinshasa – Bücher und Accessoires aus dem Herzen Afrikas
- Kollektion: Nigeria – Bücher & Accessoires aus dem Herzen Westafrikas
- Kollektion: Angola – Kultur, Geschichte und Lebensfreude entdecken