Was ist Alltagsrassismus?

Was ist Alltagsrassismus?

Die unsichtbaren Nadelstiche des Lebens

Es ist ein ganz normaler Dienstagmorgen in der Tram. Die Plätze sind gut besetzt, aber nicht überfüllt. An einer Haltestelle steigt ein junger Mann ein. Er trägt Jeans, eine Sneakers-Jacke und Kopfhörer um den Hals. Er schaut sich um und setzt sich auf den freien Platz neben eine ältere Dame. Fast im selben Moment greift die Frau nach ihrer Handtasche, zieht sie ein Stück näher an ihren Körper und richtet ihren Blick starr nach draußen. Ein paar Stationen weiter steigt ein Mann im Anzug ein, setzt sich auf die andere Seite – die Dame entspannt sich sichtlich, lässt die Tasche locker auf dem Schoss liegen.

Szenen wie diese spielen sich täglich tausendfach ab. Sie hinterlassen keine sichtbaren Wunden, es fliegen keine Schimpfwörter, und niemand ruft die Polizei. Wenn man die ältere Dame fragen würde, ob sie Rassistin sei, würde sie vermutlich empört den Kopf schütteln. Sie hat vielleicht einfach nur einen schlechten Tag oder handelt aus einem vagen, automatischen Gefühl heraus. Doch für den jungen Mann, der diese Reaktion aufgrund seiner Hautfarbe oder Haare schon zum hundertsten Mal erlebt hat, ist die Botschaft glasklar: Du bist eine potenzielle Gefahr. Du gehörst nicht ganz dazwischen.

Genau das ist Alltagsrassismus. Es ist kein Rassismus der lauten Parolen oder der extremen Gewalt. Es ist der Rassismus, der sich in den feinen Rissen des Alltags versteckt – in Blicken, Gesten, gut gemeinten Fragen und unbedachten Bemerkungen. Weil er so subtil und oft unbeabsichtigt ist, wird er von der Mehrheitsgesellschaft häufig übersehen oder als „Missverständnis“ abgetan. Für die Betroffenen hingegen ist er eine ständige, zermürbende Realität.

1. Die unsichtbare Norm: Was Rassismus wirklich bedeutet

Um zu verstehen, was Alltagsrassismus ist, müssen wir zuerst einen Schritt zurücktreten und unseren Blick auf das Wort „Rassismus“ schärfen. In vielen Köpfen ist Rassismus fest mit historischen Gräueltaten verknüpft: mit der Sklaverei, dem Kolonialismus, der Apartheid in Südafrika oder dem mörderischen Rassenwahn der Nationalsozialisten. Wenn wir heute an Rassisten denken, sehen wir oft Menschen mit Springerstiefeln, Hasskappen oder extremistischen Parolen vor uns.

Das Problem an diesem Bild ist, dass es Rassismus zu einem Problem der extremen Ränder macht. Es erlaubt der breiten Mitte der Gesellschaft, sich zurückzulehnen und zu sagen: „Ich hasse niemanden, also bin ich kein Rassist.“

Rassismus ist jedoch viel tiefer in unserer Kultur, unserer Sprache und unseren Institutionen verwurzelt, als es uns meistens bewusst ist. Er ist kein individueller Charakterfehler, sondern ein strukturelles System der Ungleichheit. Über Jahrhunderte hinweg wurden gesellschaftliche Hierarchien aufgebaut, die weiße Menschen als die „Norm“, das Universelle und das Erstrebenswerte definierten, während Menschen mit anderer Herkunft, Hautfarbe oder Religionszugehörigkeit als „anders“, „exotisch“ oder „minderwertig“ markiert wurden.

Dieses historische Erbe ist nicht einfach verschwunden, nur weil Gesetze geändert wurden. Es steckt weiterhin in unseren kollektiven Denkmustern. Alltagsrassismus ist das Ventil, durch das diese tief sitzenden, oft unbewussten Vorurteile im täglichen Miteinander an die Oberfläche treten. Er funktioniert wie eine Brille mit getönten Gläsern, die wir von Geburt an tragen: Wir merken gar nicht, dass wir die Welt durch sie hindurch in bestimmten Farben sehen – bis uns jemand darauf aufmerksam macht.

2. Die Anatomie des Alltagsrassismus: Formen und Gesichter

Alltagsrassismus hat viele Gesichter. Gerade weil er selten mit offener Feindseligkeit einhergeht, ist er im Moment des Geschehens oft schwer greifbar. Soziologinnen und Psychologen unterteilen die Phänomene häufig in verschiedene Kategorien, um das Greifbare im Subtilen sichtbar zu machen.

Mikroaggressionen: Die kleinen Nadelstiche

Der Begriff der Mikroaggression wurde in den 1970er Jahren vom US-amerikanischen Psychologen Chester Pierce geprägt. Er beschreibt damit alltägliche, kurze, verbale oder nonverbale Herabwürdigungen – ob beabsichtigt oder unbeabsichtigt –, die Minderheiten signalisieren, dass sie minderwertig oder fremd sind.

Mikroaggressionen sind wie kleine Nadelstiche. Ein einzelner Stich tut kaum weh und gerät schnell in Vergessenheit. Doch wer jeden Tag zwanzigmal gestochen wird, blutet irgendwann innerlich aus. Zu den klassischen Mikroaggressionen gehören:

  • Die Frage nach der Herkunft: „Woher kommst du?“„Aus Bern.“„Nein, ich meine, woher kommst du wirklich?“ Auf den ersten Blick wirkt diese Frage wie pures Interesse oder Smalltalk. Doch die hartnäckige Nachfrage transportiert eine unterschwellige Botschaft: Du siehst nicht aus wie eine Schweizerin oder ein Schweizer. Du kannst unmöglich von hier sein.
  • Das ungefragte Anfassen der Haare: Besonders Schwarze Frauen erleben immer wieder, dass Wildfremde ihnen in die Haare fassen, um die Struktur zu spüren. Was als „Kompliment“ oder „Neugierde“ getarnt wird, ist eine massive Grenzüberschreitung und eine Form der Exotisierung. Es degradiert einen Menschen zum Anschauungsobjekt im Streichelzoo.
  • Das überraschte Lob: „Sie sprechen aber erstaunlich gut Deutsch!“ Wenn dieser Satz zu jemandem gesagt wird, der in Deutschland, Österreich oder der Schweiz geboren und aufgewachsen ist, offenbart er das tiefe Vorurteil, dass eine bestimmte Hautfarbe oder ein bestimmter Name automatisch mit mangelnden Sprachkenntnissen einhergehen muss.

Das Phänomen des „Othering“

Ein zentraler Mechanismus des Alltagsrassismus ist das sogenannte Othering (vom englischen Wort other für „anders“). Dabei wird eine Gruppe von Menschen als das „Andere“ definiert, um die eigene Gruppe als das „Normale“ abzugrenzen.

Im Alltag äußert sich Othering oft in vermeintlich positiven Stereotypen. Aussagen wie „Ihr Schwarzen habt einfach den Rhythmus im Blut“ oder „Asiatinnen sind immer so fleißig und zurückhaltend“ klingen im ersten Moment nicht feindselig. Dennoch pressen sie Individuen in Schubladen. Sie sprechen den betroffenen Personen ab, vielschichtige, eigenständige Persönlichkeiten zu sein. Ein schwarzer Mensch, der völlig unmusikalisch ist, oder eine asiatische Frau, die laut und extrovertiert ist, geraten dadurch in Erklärungsnot, weil sie der ihnen zugewiesenen Rolle nicht entsprechen.

Der Raum und die Blicke

Alltagsrassismus muss kein einziges Wort beinhalten. Er drückt sich enorm stark durch die Nutzung des öffentlichen Raums aus.

  • Es sind die bereits erwähnten Blicke in der Bahn.
  • Es ist das Pärchen, das auf dem Gehweg die Straßenseite wechselt, wenn ihnen eine Gruppe People of Color entgegenkommt.
  • Es ist die Ladendetektivin, die einer migrantisch gelesenen Jugendlichen auffällig unauffällig durch die Gänge des Supermarkts folgt, während die weißen Teenager unbeobachtet am Süßigkeitenregal stehen.

Diese nonverbalen Signale erzeugen bei den Betroffenen ein permanentes Gefühl der Wachsamkeit. Sie lernen schon früh, dass sie sich im öffentlichen Raum anders bewegen, anders kleiden und anders verhalten müssen, um kein Misstrauen zu erregen.

3. Die psychologischen und sozialen Folgen: Der ständige Alarmzustand

Für Menschen, die nicht von Rassismus betroffen sind, wirken die oben beschriebenen Beispiele oft banal. Die häufige Reaktion lautet: „Stell dich nicht so an, das war doch nicht böse gemeint!“ oder „Man wird ja wohl noch fragen dürfen.“

Genau hier liegt das fundamentale Missverständnis. Wer die Perspektive der Betroffenen einnehmen will, darf nicht nur das einzelne Ereignis betrachten. Man muss die Kumulation, also die Summe aller Erlebnisse über ein ganzes Leben hinweg, sehen.

Der „Rassismus-Kater“ und die kognitive Last

Psychologinnen sprechen bei den Folgen von Alltagsrassismus oft von chronischem Stress. Betroffene befinden sich in einer permanenten Schleife der Wachsamkeit, die wissenschaftlich als Racial Battle Fatigue (rassismusbedingte Erschöpfung) bezeichnet wird. Jeder Raum, der betreten wird – ob das Büro, die Universität, das Amt oder die Kneipe –, muss erst einmal gescannt werden: Bin ich hier sicher? Wie reagieren die Leute auf mich? Muss ich mich besonders freundlich und artikuliert verhalten, um Vorurteile abzubauen?

Wenn es dann zu einer Mikroaggression kommt, setzt sofort ein innerer Analyseprozess ein:

  1. War das gerade rassistisch gemeint oder bilde ich mir das nur ein?
  2. Soll ich etwas sagen? Wenn ich kontere, gelte ich wieder als die „wütende Schwarze Frau“ oder der „aggressive Ausländer“.
  3. Wenn ich nichts sage, ärgere ich mich den restlichen Tag über meine eigene Feigheit.

Diese ständige innere Debatte kostet enorm viel mentale Energie. Sie lenkt von der eigentlichen Arbeit ab, verdirbt die Freizeit und führt langfristig zu psychosomatischen Beschwerden wie Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Bluthochdruck und Depressionen. Alltagsrassismus greift das grundlegende menschliche Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Sicherheit an.

Die Umkehrung der Schuld: Gaslighting

Ein besonders schmerzhafter Aspekt des Alltagsrassismus ist das sogenannte Racial Gaslighting. Wenn Betroffene versuchen, eine erlebte Diskriminierung anzusprechen, ernten sie von ihrem Umfeld oft Abwehr, Verharmlosung oder Unglauben.

„Du bist aber auch extrem empfindlich.“ „Das war doch nur ein Witz, verstehst du keinen Spaß?“ „Herr Müller ist eigentlich ein ganz Netter, der meinte das sicher anders.“

Diese Sätze bewirken eine perfide Täter-Opfer-Umkehr. Dem Betroffenen wird signalisiert, dass nicht die rassistische Äußerung das Problem ist, sondern seine Reaktion darauf. Das führt dazu, dass Menschen an ihrer eigenen Wahrnehmung zu zweifeln beginnen und sich immer mehr zurückziehen. Es verstummen die Stimmen derer, die unter den Strukturen leiden, während die Mehrheitsgesellschaft in dem Glauben bleibt, alles sei harmonisch.

4. Warum „Gut gemeint“ das Gegenteil von „Gut gemacht“ ist

Der wohl schwierigste Aspekt des Alltagsrassismus ist die Tatsache, dass er meistens aus der Mitte von Menschen kommt, die sich selbst als tolerant, weltoffen und progressiv begreifen. Es sind die Kolleginnen beim Mittagessen, die Lehrer im Klassenzimmer oder die Freundinnen im Sportverein.

Hier kollidieren Intention (Absicht) und Impact (Wirkung).

In unserer westlichen Kultur haben wir gelernt, Handlungen vor allem nach der Absicht des Täters zu bewerten. Wenn jemand beim Aussteigen aus dem Bus stolpert und einer anderen Person versehentlich auf den Fuß tritt, entschuldigt er sich, und die Sache ist erledigt, weil keine böse Absicht dahintersteckte. Der Fuß tut danach allerdings trotzdem weh.

Beim Alltagsrassismus verhält es sich ähnlich. Die Person, die fragt: „Woher kommen deine tollen Locken, aus welchem Land afrikaweit?“, möchte vielleicht tatsächlich ein nettes Gespräch beginnen oder ihre Faszination ausdrücken. Die Wirkung beim Gegenüber ist jedoch die schmerzhafte Erinnerung daran, dass Afrika in den Köpfen vieler immer noch ein einziges großes, exotisches Land ohne Nuancen ist und man selbst als dauerhaft „Anderer“ wahrgenommen wird.

Um Alltagsrassismus effektiv zu bekämpfen, müssen wir lernen, die Priorität von der Absicht auf die Wirkung zu verschieben. Es geht nicht darum, ob jemand ein „böser Mensch“ ist. Es geht darum anzuerkennen, dass eine konkrete Handlung oder Aussage beim Gegenüber Schaden angerichtet hat.

5. Das Privileg des Nicht-Nachdenkens

Ein Begriff, der in Debatten über Alltagsrassismus unweigerlich auftaucht und oft für heftigen Widerstand sorgt, ist das Privileg – genauer gesagt das White Privilege (weißes Privileg). Viele Menschen reagieren allergisch auf dieses Wort, weil sie es mit großem Reichtum, Luxus oder einem sorgenfreien Leben gleichsetzen. Ein weißer Fabrikarbeiter, der hart schuften muss, um seine Familie über die Runden zu bringen, wird sich zu Recht gegen die Behauptung wehren, er sei „privilegiert“.

Doch im Kontext von Rassismus bedeutet Privileg etwas ganz anderes: Es bedeutet die Abwesenheit von bestimmten Hürden und negativen Erfahrungen.

  • Ein Privileg ist es, wenn man eine Wohnung sucht und sich keine Sorgen machen muss, ob der Nachname auf dem Klingelschild zu einer Absage führt.
  • Ein Privileg ist es, wenn man in eine Parfümerie geht und nicht vom Personal auf Schritt und Tritt überwacht wird.
  • Ein Privileg ist es, wenn die eigenen Kinder in den Schulbüchern fast ausschließlich Charaktere finden, die so aussehen wie sie selbst, und historische Figuren als Heldinnen und Entdecker dargestellt werden.

Das größte Privileg überhaupt ist jedoch die Möglichkeit, nicht über das Thema Rassismus nachdenken zu müssen. Menschen ohne Rassismus-Erfahrung können sich aussuchen, ob sie ein Buch darüber lesen, eine Dokumentation schauen oder an einer Diskussion teilnehmen. Sie können das Thema nach Belieben wegklicken oder das Gespräch wechseln. Betroffene Menschen haben diese Wahlmöglichkeit nicht. Für sie ist das Thema kein theoretischer Diskurs, sondern ein treuer, ungebetener Begleiter durch den Tag.

6. Wege aus der Unsichtbarkeit: Was wir tun können

Alltagsrassismus zu überwinden, ist keine Aufgabe, die sich von heute auf morgen erledigen lässt. Da er tief in unseren kulturellen Gewohnheiten und psychologischen Automatismen verankert ist, erfordert es kontinuierliche Arbeit von uns allen. Es ist ein Marathon, kein Sprint. Sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene gibt es konkrete Schritte, die wir gehen können.

Für Menschen ohne Rassismus-Erfahrung: Zuhören und Verlernen

Wenn Sie selbst nicht von Rassismus betroffen sind, besteht der wichtigste Schritt im Zuhören. Wenn eine Person of Color Ihnen gegenüber äußert, dass eine Situation oder eine Aussage rassistisch war, unterdrücken Sie den Impuls, sich sofort zu verteidigen oder die Situation zu rationalisieren.

Statt: „Das habe ich so nicht gemeint!“ versuchen Sie es mit: „Es tut mir leid, dass meine Worte das bei dir ausgelöst haben. Erklärst du mir, warum das verletzend war, damit ich es beim nächsten Mal besser machen kann?“

Dazu gehört auch der Prozess des Verlernens. Wir alle sind mit rassistischen Begriffen, Kinderliedern, Redewendungen und medialen Bildern aufgewachsen. Sich einzugestehen, dass Teile des eigenen Sprachgebrauchs oder der eigenen Denkmuster problematisch sind, erfordert Mut und Demut. Es ist kein Eingeständnis von Bosheit, sondern ein Zeichen von Reife und Lernbereitschaft.

Verbündete sein (Allyship)

Es reicht nicht aus, im stillen Kämmerlein „kein Rassist“ zu sein. Alltagsrassismus gedeiht im Schutzraum des kollektiven Schweigens. Wenn im Pausenraum der Firma ein vermeintlich witziger Spruch über Geflüchtete geklopft wird und alle peinlich berührt zu Boden schauen, gewinnt der Rassismus.

Ein aktiver Verbündeter (ein Ally) ergreift das Wort – nicht, um sich als Retter aufzuspielen, sondern um klare Grenzen zu setzen. Ein einfaches: „Ich finde diesen Spruch unpassend und nicht witzig“ bricht die Dynamik im Raum sofort. Es nimmt der betroffenen Person die Last, sich immer selbst verteidigen zu müssen, und signalisiert den Umstehenden, dass solch ein Verhalten in dieser Gemeinschaft nicht toleriert wird.

Für Betroffene: Selbstfürsorge und Räume des Aufatmens

Menschen, die tagtäglich von Alltagsrassismus betroffen sind, müssen vor allem eines lernen: ihre eigenen Kräfte zu schonen. Es ist nicht Ihre Pflicht, die Welt im Alleingang aufzuklären. Sie müssen nicht jede unbedachte Frage beim Familienfest diskutieren und nicht jeden Kommentar im Internet geraderücken.

Sogenannte Safer Spaces – Räume, in denen sich Menschen mit ähnlichen Erfahrungen austauschen können, ohne sich erklären oder rechtfertigen zu müssen – sind überlebenswichtig. Hier kann der angesammelte Stress abgeladen und neue Kraft getankt werden. Das Teilen von Erfahrungen nimmt das lähmende Gefühl des Alleinseins und verwandelt die erlittene Ohnmacht oft in kollektive Stärke.

Ein Blick nach vorn

Alltagsrassismus ist kein kosmetisches Problem, das sich durch das Streichen einiger Wörter aus dem Wörterbuch oder durch Lippenbekenntnisse in Firmen-Newslettern lösen lässt. Er ist das Fundament, auf dem die großen, systemischen Ungerechtigkeiten unseres Arbeitsmarktes, unseres Wohnungswesens und unseres Justizsystems ruhen.

Solange wir als Gesellschaft die feinen, alltäglichen Nuancen der Diskriminierung ignorieren, werden wir auch die großen Strukturen nicht verändern können. Eine offene, gerechte Gesellschaft zeichnet sich nicht dadurch aus, dass sie frei von Fehlern ist. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie bereit ist, den Blick in den Spiegel zu wagen – auch dann, wenn das Bild, das sie dort sieht, unbequem und schmerzhaft ist.

Jeder von uns hat jeden Tag in der Tram, im Büro oder an der Supermarktkasse die Chance, diesen Blick zu schärfen. Es beginnt mit der Bereitschaft, hinzusehen, zuzuhören und das vermeintlich Normale zu hinterfragen.

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Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was ist Alltagsrassismus? +
Alltagsrassismus bezeichnet subtile, oft unbewusste Formen von Rassismus im Alltag – zum Beispiel durch Blicke, Bemerkungen, Mikroaggressionen oder unterschiedliche Behandlung im öffentlichen Raum. Er ist meist nicht offen feindselig, wirkt aber durch seine ständige Wiederholung verletzend und ausschließend.
Woran erkenne ich Alltagsrassismus im Alltag? +
Alltagsrassismus zeigt sich zum Beispiel in immer wiederkehrenden Fragen nach der "eigentlichen" Herkunft, im ungefragten Anfassen von Haaren, in überraschten Kommentaren über Sprachkenntnisse oder in Misstrauen und verstärkter Kontrolle gegenüber bestimmten Personen. Entscheidend ist nicht die Absicht, sondern die Wirkung auf die betroffenen Menschen.
Was sind Mikroaggressionen? +
Mikroaggressionen sind kurze, alltägliche verbale oder nonverbale Kränkungen, die Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, Herkunft oder Religion abwerten oder als fremd markieren – oft getarnt als Witz, Kompliment oder harmlose Frage. Einzelne Situationen wirken klein, ihre ständige Wiederholung führt jedoch zu Stress und Erschöpfung.
Welche Folgen hat Alltagsrassismus für Betroffene? +
Alltagsrassismus kann zu chronischem Stress, sogenannter Racial Battle Fatigue, führen: ständige Wachsamkeit, innerer Zweifel, Schlafstörungen, Erschöpfung und das Gefühl, nie ganz dazuzugehören. Viele Betroffene beginnen, ihr Verhalten und ihre Präsenz im öffentlichen Raum anzupassen, um weniger Misstrauen und Abwertung zu erfahren.
Was bedeutet Privileg im Zusammenhang mit Rassismus? +
Privileg meint im Kontext von Rassismus nicht Reichtum, sondern die Abwesenheit bestimmter Hürden: zum Beispiel eine Wohnung suchen zu können, ohne dass der eigene Name zur Absage führt, einkaufen zu gehen, ohne besonders beobachtet zu werden, oder sich aussuchen zu können, ob man sich mit Rassismus beschäftigt oder das Thema ausblendet.
Was kann ich gegen Alltagsrassismus tun, wenn ich selbst nicht betroffen bin? +
Wichtig sind Zuhören, Lernbereitschaft und die Bereitschaft, die eigene Sprache und die eigenen Bilder im Kopf zu hinterfragen. Wer Alltagsrassismus bemerkt, kann nachfragen, warum eine Aussage verletzend ist, sich entschuldigen, wenn man selbst etwas gesagt hat, und in Gruppen klar Grenzen setzen – zum Beispiel, indem man rassistische Witze nicht mitträgt.
Wie können Betroffene mit Alltagsrassismus umgehen? +
Betroffene dürfen ihre Kräfte schützen und müssen nicht jede Situation erklären. Hilfreich können sichere Räume sein, in denen man Erfahrungen teilt, Unterstützung erfährt und sich erholen kann, sowie professionelle Begleitung, wenn die Belastung sehr hoch ist. Es ist legitim, Grenzen zu setzen und bewusst zu entscheiden, wann und mit wem man über Rassismus spricht.

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