Eritrea - Die Migrationserzählungen: Flucht, Hoffnung und die Konstruktion transnationaler Identität

Eritrea - Die Migrationserzählungen: Flucht, Hoffnung und die Konstruktion transnationaler Identität

Die zeitgenössische Geschichte Eritreas ist untrennbar mit dem Phänomen der Massenmigration verbunden, das in den letzten Jahrzehnten Ausmaße angenommen hat, die das Land zu einem der weltweit größten Protoproduzenten von Flüchtlingen pro Kopf gemacht haben. Diese Bewegung ist weit mehr als eine bloße statistische Verschiebung von Populationen; sie stellt eine moderne afrikanische Odyssee dar, die von tiefgreifender Tragik, außerordentlichem Mut und der unermüdlichen Suche nach menschlicher Würde geprägt ist. Die Erzählungen, die aus dieser Flucht hervorgehen, weben ein komplexes Geflecht aus traumatischen Grenzerfahrungen, dem Schmerz der Entwurzelung und der mühsamen Rekonstruktion von Identität in der Fremde, sei es in den Lagern des Sudan, den Städten Äthiopiens oder den Metropolen Europas.

📚 Was Sie in diesem Artikel lernen

  • Ursachen der eritreischen Fluchtbewegung: Wie Nationaldienst, politische Repression, wirtschaftliche Perspektivlosigkeit und regionale Konflikte die massenhafte Migration aus Eritrea antreiben.
  • Lebensgefährliche Fluchtrouten: Welche Wege Eritreer über Sudan, Äthiopien, Libyen, Ägypten, das Mittelmeer oder die Südroute nach Südafrika nehmen – und welchen Preis sie dafür zahlen müssen.
  • Zwischenlager und Transitländer: Warum Sudan und Äthiopien zugleich Zufluchtsort und Falle sind und wie Kriege in Tigray und im Sudan Flüchtlingslager in Zonen permanenter Unsicherheit verwandeln.
  • Integration in Europa und der Schweiz: Mit welchen Herausforderungen eritreische Geflüchtete im Alltag, auf dem Arbeitsmarkt und im Kontakt mit Behörden konfrontiert sind – und welche Strategien der Resilienz sie entwickeln.
  • Transnationale Kontrolle durch das Regime: Wie die 2%-Diasporasteuer, Überwachungsstrukturen und Loyalitätsmechanismen den Alltag der Diaspora weltweit prägen.
  • Kulturelle und soziale Anker: Welche Rolle Radsport, Religion, Kulturfestivals und Community-Strukturen für die Bewahrung eritreischer Identität in der Diaspora spielen.
  • Literarische Perspektiven: Wie Sulaiman Addonia und andere Stimmen die Erfahrungen von Lager, Exil, Stille, Trauma und Solidarität literarisch erfahrbar machen.
  • Zukunftsszenarien der Migration: Welche Bedeutung Klimawandel, regionale Instabilität, digitale Überwachung und die zweite Generation für die kommenden Jahre der eritreischen Migration haben.

💡 Warum dieser Artikel wichtig ist: Er zeigt, wie sich aus einem nationalen Fluchtphänomen vielschichtige Geschichten von Gewalt, Kontrolle, Resilienz und Identitätsbildung entwickeln – vom Grenzzaun in Eritrea bis zu den Diaspora-Gemeinschaften in der Schweiz und weltweit.

⏱️ Lesezeit: ca. 25–30 Minuten | 📍 Region: Eritrea, Horn von Afrika, Transitländer & Diaspora (u. a. Schweiz, Europa, Nordamerika, Südafrika) | ⏳ Fokus: Fluchtursachen, Routen, Diaspora, transnationale Kontrolle, Kultur & Literatur

Strukturelle Ursachen: Der endlose Nationaldienst als Katalysator

Um die eritreische Migrationserzählung zu verstehen, muss man die strukturellen Realitäten innerhalb des Landes analysieren, die als primäre Fluchtursachen fungieren. Seit der Unabhängigkeit von Äthiopien im Jahr 1993, die nach einem dreißigjährigen bewaffneten Kampf erreicht wurde, hat sich Eritrea unter der Führung von Präsident Isaias Afewerki und der Volksfront für Demokratie und Gerechtigkeit (PFDJ) zu einem hochgradig militarisierten Staat entwickelt. Das zentrale Instrument dieser Militarisierung ist der zeitlich unbefristete Nationaldienst, der oft als System der Zwangsarbeit charakterisiert wird.

Ursprünglich auf 18 Monate begrenzt, wurde der Dienst nach dem Grenzkrieg mit Äthiopien (1998–2000) de facto unbefristet verlängert. Junge Eritreer sind gezwungen, über Jahrzehnte hinweg unter prekären Bedingungen Dienst zu leisten, oft bei einem monatlichen Gehalt von lediglich 450 Nakfa, was angesichts der Inflation und der Lebenshaltungskosten kaum für das Überleben ausreicht. Dieser Zustand der "permanenten Warteschleife" beraubt eine ganze Generation ihrer Zukunftsperspektiven, da Bildung, Familiengründung und wirtschaftliche Eigenständigkeit durch den staatlichen Zugriff blockiert werden.

Die Demografie der Flucht und das "Sicherheitsventil" des Regimes

Interessanterweise hat sich das Alter der Fliehenden in den letzten Jahren kontinuierlich verringert. Berichte dokumentieren, dass zunehmend Kinder unter zehn Jahren das Land verlassen, oft ohne Begleitung von Erwachsenen. Familien treffen diese verzweifelte Entscheidung, um ihre Kinder vor der unvermeidlichen Einberufung zu bewahren, die in der Regel bereits während der Sekundarschulzeit beginnt. Diese Entwicklung deutet darauf hin, dass die Migration nicht mehr nur eine individuelle Flucht vor politischer Verfolgung ist, sondern eine kollektive Überlebensstrategie der eritreischen Gesellschaft darstellt.

Einige Analysten vermuten, dass das Regime in Asmara die Flucht der Jugend stillschweigend duldet, da sie als "Sicherheitsventil" dient. Indem die am stärksten unzufriedene demografische Gruppe das Land verlässt, wird das Risiko interner Unruhen minimiert. Zudem profitiert der Staat massiv von den Rücksendungen (Remittances) der Diaspora, was eine paradoxe Situation schafft: Die Flucht schwächt zwar die heimische Arbeitskraft, stabilisiert aber gleichzeitig die Devisenreserven des Regimes.

Hauptursachen der Migration Beschreibung der Auswirkung Relevanz für die Fluchtentscheidung
Unbefristeter Nationaldienst Zwangsarbeit ohne Enddatum für alle Bürger ab 18 Jahren.

Primärer Fluchtgrund für über 90% der jungen Migranten.

Wirtschaftskollaps Mangel an privatem Sektor, staatliche Kontrolle aller Ressourcen.

Verlust der Lebensgrundlage und Perspektivlosigkeit.

Politische Repression Abwesenheit von Verfassung, Pressefreiheit und politischem Raum.

Angst vor willkürlicher Inhaftierung und Folter.

Grenzstreitigkeiten Permanente Kriegsbereitschaft gegenüber Äthiopien und im Tigray-Konflikt.

Rechtfertigungsgrund für die Fortführung des Nationaldienstes.

 

Die Geografie der Gefahr: Grenzüberquerungen und Transitrouten

Die Entscheidung zur Flucht ist mit extremen physischen und rechtlichen Risiken verbunden. Da legale Ausreisevisa fast unmöglich zu erhalten sind, müssen Migranten die militarisierten Grenzen heimlich überqueren. Die Gebiete entlang der Grenzen zu Sudan und Äthiopien sind oft vermint, Überreste vergangener Kriege, die auch heute noch tödliche Hindernisse darstellen. Historisch operierte das Militär mit einem Schießbefehl gegen Flüchtende, und obwohl dieser Befehl in den letzten Jahren seltener konsequent angewandt wurde, bleibt die Überquerung ein lebensgefährliches Unterfangen.

Der Weg durch die Wüste und die Ökonomie des Menschenhandels

Sobald die Grenze überschritten ist, begeben sich die Flüchtlinge in die Hände von Schmuggelnetzwerken. Die Routen führen oft durch den Sudan in Richtung Libyen oder über Ägypten in den Sinai. In diesen Transiträumen wandelt sich die Identität des Eritreers vom politischen Flüchtling zum ökonomischen Gut. Besonders berüchtigt sind die Entführungen und Erpressungen durch kriminelle Banden, darunter Teile der Rashaida-Ethnie, die Eritreer oft bereits kurz nach ihrer Ankunft im Sudan verschleppen.

Die Berichte über Folterlager im Sinai, in denen Flüchtlinge gezwungen werden, ihre Verwandten in der Diaspora anzurufen, während sie misshandelt werden, um Lösegelder in Höhe von zehntausenden Dollar zu erpressen, gehören zu den dunkelsten Kapiteln der modernen Migrationserzählungen. Diese Praxis hat eine grausame transnationale Ökonomie geschaffen, in der die Ersparnisse der Diaspora direkt in die Taschen von Menschenhändlern fließen, um das Überleben ihrer Angehörigen zu sichern.

Die Südroute nach Südafrika

Neben der bekannteren Mittelmeerroute hat die "Südroute" nach Südafrika an Bedeutung gewonnen. Diese über 5.000 Kilometer lange Reise führt durch Äthiopien, Kenia, Tansania und Malawi. Migranten werden hier oft unter unmenschlichen Bedingungen transportiert, versteckt in Tanklastern oder Frachtcontainern, um Grenzrollen zu umgehen. Die Dynamik dieser Route wird durch die Korruption lokaler Sicherheitskräfte befeuert, die Schmuggelnetzwerke gegen Bestechungsgelder gewähren lassen.

Transitrouten für eritreische Migranten Primäre Gefahren Geschätzte Kosten und Dauer
Zentrales Mittelmeer (via Libyen) Inhaftierung in libyschen Lagern, Ertrinken im Meer, Erpressung.

$5.000 - $15.000; Dauer oft Jahre aufgrund von Haft.

Sinai-Route (via Ägypten) Systematische Folter zur Erpressung von Lösegeld, Organhandel.

$30.000+ Lösegeld; Dauer unbestimmt.

Südroute (nach Südafrika) Erstickungstod in Containern, Misshandlung durch Schmuggler.

$4.000 - $8.000; Dauer ca. 6 Monate.

 

Zwischenlandung im Limbus: Sudan und Äthiopien als unsichere Zufluchtsorte

Für zehntausende Eritreer endete die Flucht zunächst in den Nachbarländern Sudan und Äthiopien. Lange Zeit boten diese Länder einen gewissen Schutz, oft unter dem Status "prima facie" Flüchtlinge. Doch die geopolitische Instabilität der Region hat diese Zufluchtsorte in Fallen verwandelt. Der Bürgerkrieg in Tigray (2020–2022) und der seit 2023 tobende Krieg im Sudan haben die eritreischen Flüchtlingsgemeinschaften erneut entwurzelt.

In Äthiopien wurden Flüchtlingslager in Tigray Ziel von Angriffen sowohl durch eritreische als auch äthiopische Truppen. Es gibt Berichte über die gewaltsame Entführung von Flüchtlingen zurück nach Eritrea, ein eklatanter Verstoß gegen das Völkerrecht. Zudem hat die äthiopische Regierung begonnen, den Flüchtlingsstatus für neu ankommende Eritreer zu verweigern, was viele in die Obdachlosigkeit und Destitution treibt. Im Sudan hingegen führte der Konflikt zwischen der Armee und den RSF (Rapid Support Forces) dazu, dass Eritreer, die sich in Khartum ein Leben aufgebaut hatten, erneut fliehen mussten – oft unter dem Risiko, von den RSF-Milizen, die aus den ehemaligen Janjaweed hervorgingen, festgenommen und abgeschoben zu werden.

Die psychische Belastung dieses permanenten Zustands der Unsicherheit ist immens. Viele Flüchtlinge beschreiben ihr Leben in den Lagern von Kassala oder Shagarab als einen Zustand des "Wartens ohne Ende", in dem die Zeit stillzustehen scheint, während die Welt um sie herum in Gewalt versinkt. Diese Erfahrung des "Limbus" ist ein zentrales Motiv in der Migrationsliteratur, etwa in den Werken von Sulaiman Addonia, der die Stille und die Unfähigkeit, die eigene Geschichte zu artikulieren, als prägende Merkmale des Flüchtlingsdaseins beschreibt.

Wiederaufbau in der Diaspora: Integration und transnationale Identität

Die Ankunft in Europa oder Nordamerika markiert den Beginn eines neuen Kampfes: den um Integration und die Bewahrung der eigenen Identität. In Ländern wie der Schweiz, die eine der größten eritreischen Diasporas beherbergt, stehen die Migranten vor der Herausforderung, sich in einer Gesellschaft zurechtzufinden, deren bürokratische und soziale Codes ihnen völlig fremd sind.

Fallstudie: Solomon in der Schweiz

Die Geschichte von Solomon, einem jungen Flüchtling, der in einem kleinen Schweizer Dorf angesiedelt wurde, verdeutlicht die Hürden der Anpassung. Ohne Deutschkenntnisse und isoliert von seiner Familie, war sein Weg geprägt von Sprachkursen, der Unterstützung durch lokale Freiwillige und der mühsamen Suche nach einer beruflichen Perspektive. Solomons erfolgreicher Abschluss einer Zimmermannslehre wird als Beispiel für individuelle Resilienz gefeiert, doch seine Erzählung ist auch von Heimweh und dem Gefühl der Entfremdung durchzogen.

Integration wird hier nicht als einseitiger Prozess verstanden, sondern als Aufbau von "Identitätskapital". Die Fähigkeit, neue soziale Netzwerke zu knüpfen, während man gleichzeitig die kulturellen Wurzeln pflegt (etwa durch das Kochen traditioneller Speisen oder die Teilnahme an kirchlichen Aktivitäten), ist entscheidend für das psychische Wohlbefinden.

Psychische Gesundheit und soziale Resilienz

Die Forschung zur psychischen Gesundheit eritreischer Flüchtlinge in Deutschland und der Schweiz zeigt eine hohe Prävalenz von PTSD, Depressionen und Angstzuständen. Das "ADAPT-Modell" identifiziert fünf Säulen, die für die soziale Resilienz entscheidend sind: Sicherheit, soziale Bindungen, Gerechtigkeit, soziale Rollen und die Wahrung der Identität. Für viele Eritreer ist die größte Belastung jedoch nicht die Vergangenheit, sondern die Sorge um die im Heimatland verbliebenen Angehörigen und der Druck des eritreischen Staates, der auch im Exil präsent bleibt.

Der lange Arm des Regimes: Überwachung und die 2%-Steuer

Einzigartig an der eritreischen Diaspora ist das Ausmaß an Kontrolle, das die Regierung in Asmara weiterhin über ihre Bürger im Ausland ausübt. Das Regime betrachtet die Diaspora nicht als verlorene Bürger, sondern als transnationale Subjekte, die zur Finanzierung und Legitimation des Staates beitragen müssen.

Die "Rehabilitationssteuer" und administrative Nötigung

Seit 1993 erhebt Eritrea eine obligatorische "Diaspora-Steuer" in Höhe von 2 % auf das Einkommen aller im Ausland lebenden Eritreer. Die Zahlung dieser Steuer ist oft die Voraussetzung für jegliche konsularische Dienstleistung, wie die Erneuerung von Pässen oder die Ausstellung von Geburtsurkunden. Wer nicht zahlt, riskiert, dass seine Verwandten in Eritrea bestraft werden oder dass er im Falle eines Todesfalls nicht im Heimatland begraben werden kann.

Diese Steuer wird oft als Erpressung wahrgenommen und ist ein zentraler Streitpunkt innerhalb der Gemeinschaft. Während Regierungsanhänger sie als patriotische Pflicht zur Unterstützung des Wiederaufbaus sehen, betrachten Oppositionelle sie als Finanzierung der Unterdrückung. Die Erhebung der Steuer erfolgt oft über die Botschaften oder informelle Netzwerke von Unterstützungsvereinen, den sogenannten mahbere-koms.

Die gespaltene Gemeinschaft und Gewalt in der Diaspora

Die Diaspora ist tief gespalten zwischen den "Loyalisten", oft Angehörige der ersten Migrationsgeneration, die den Unabhängigkeitskampf miterlebt haben, und den "Neuankömmlingen", die vor dem Nationaldienst geflohen sind. Diese Spannungen entladen sich regelmäßig bei kulturellen Veranstaltungen. Im Jahr 2023 kam es in der Schweiz (Opfikon, Grellingen) und in Deutschland zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Gegnern und Unterstützern des Regimes.

Diese Konflikte zeigen, dass der politische Raum Eritreas bis nach Europa reicht. Die "Young PFDJ" (YPFDJ), der Jugendflügel der Regierungspartei, wird von Menschenrechtsorganisationen als Instrument zur Überwachung und Einschüchterung der Diaspora-Jugendlichen kritisiert. Viele Flüchtlinge leben daher auch in Europa in einem Klima des Misstrauens, aus Angst, dass ihre politischen Aktivitäten an die Behörden in Asmara gemeldet werden könnten.

Mechanismen der transnationalen Kontrolle Funktionsweise Konsequenzen für den Migranten
2%-Steuer Abgabe auf das Bruttoeinkommen im Ausland.

Finanzielle Belastung; moralisches Dilemma.

Entschuldigungsschreiben Pflichtgeständnis bei illegaler Ausreise.

Formale Unterwerfung unter das Regime.

Überwachung durch Vereine Meldung von regimekritischem Verhalten.

Soziale Isolation; Angst vor Repressalien gegen Familie.

Verweigerung von Clearance Stopp administrativer Prozesse (Erbe, Papiere).

Verlust von Eigentumsrechten in der Heimat.

 

Kulturelle Identität und die Kraft der Gemeinschaft

Trotz der Spaltung bleibt die eritreische Kultur ein starker Bindungsfaktor. Die Diaspora hat Wege gefunden, ihre Identität jenseits der politischen Konflikte zu bewahren und zu feiern.

Radsport als nationales Symbol

Eritreas Leidenschaft für den Radsport ist ein faszinierendes Beispiel für kulturelle Aneignung und Widerstand. Ursprünglich von den italienischen Kolonialherren eingeführt, um ihre vermeintliche Überlegenheit zu demonstrieren, wurde der Sport von den Eritreern übernommen und zu einem Symbol nationalen Stolzes gemacht. Heute gelten eritreische Radrennfahrer wie Biniam Girmay als Helden der gesamten Diaspora und bieten einen seltenen Moment der nationalen Einheit, der über politische Grenzen hinwegstrahlt.

Religiöse Gemeinschaften und Festivals

Die koptisch-orthodoxe und die katholische Kirche sowie der Islam spielen eine zentrale Rolle bei der sozialen Integration und der Bewahrung der Traditionen. Religiöse Feste und Taufen, wie die im schweizerischen Mülheim dokumentierte Taufe einer jungen Eritreerin, sind Ereignisse, zu denen Landsleute aus der ganzen Region anreisen. Diese Zusammenkünfte dienen nicht nur dem Glauben, sondern auch dem Austausch von Informationen und der gegenseitigen emotionalen Unterstützung.

Die jährlichen Kulturfestivals, wie das in Zürich organisierte Festival 2025, sind Plattformen, auf denen die reiche Musik, Kunst und Kulinarik Eritreas präsentiert werden. Für die zweite und dritte Generation der Diaspora sind diese Veranstaltungen von entscheidender Bedeutung, um eine Verbindung zu einer Heimat aufrechtzuerhalten, die sie oft nur aus den Erzählungen ihrer Eltern kennen.

Die literarische Stimme der Odyssee: Sulaiman Addonia

Um die tieferen psychologischen Dimensionen der eritreischen Migration zu erfassen, ist ein Blick in die Literatur unerlässlich. Sulaiman Addonia, ein Autor mit eritreisch-äthiopischen Wurzeln, der selbst als Kind in einem Flüchtlingslager im Sudan lebte, gibt in seinem Roman Silence is My Mother Tongue (Stille ist meine Muttersprache) den oft gesichtslosen Migranten eine Stimme.

Die Ästhetik des Überlebens im Lager

Addonia beschreibt das Flüchtlingslager nicht als Endstation, sondern als einen Raum der "Alternativen" und der Imagination. Er nutzt das Bild von Laken, die als Leinwände für ein "Kino im Kopf" dienen, um die Fähigkeit der Flüchtlinge zu beschreiben, ihre Realität durch Träume und Geschichten zu transzendieren. Seine Protagonistin Saba verkörpert den Kampf um Selbstbestimmung in einem Umfeld, das von Armut, sozialer Kontrolle und den Nachwirkungen von Kriegen geprägt ist.

Ein zentrales Thema in Addonias Werk ist die "Stille". Er argumentiert, dass das Schweigen vieler Flüchtlinge keine Abwesenheit von Gedanken ist, sondern eine Sprache für sich – eine "Muttersprache", die entwickelt wurde, um Unaussprechliches zu bewahren. Seine Arbeit stellt eine wichtige Korrektur zum oft rein politischen oder soziologischen Diskurs über Migration dar, indem sie die tiefen emotionalen Landschaften des Exils ausleuchtet.

Solidarität der Frauen

Ein wiederkehrendes Motiv in Addonias Erzählungen und Interviews ist die Kraft der weiblichen Solidarität. Er beschreibt Frauen als die "Siebe, durch die das Leid einer Nation gereinigt wird". In den Lagern und in der Diaspora sind es oft die Netzwerke von Frauen, die das Überleben sichern, indem sie Ressourcen teilen, Traumata gemeinsam verarbeiten und die kulturelle Kontinuität wahren. Diese Form der "horizontalen Solidarität" ist ein wesentlicher Bestandteil der eritreischen Gemeinschaftskraft.

Herausforderungen der Zukunft und regionale Dynamiken

Die Aussichten für die eritreische Migration im Jahr 2026 und darüber hinaus bleiben ungewiss. Die geopolitische Lage am Horn von Afrika ist durch Spannungen zwischen Äthiopien, Eritrea und Somalia gekennzeichnet, was die Sicherheit der verbliebenen Flüchtlinge in der Region gefährdet.

Klimawandel und neue Fluchtursachen

Zunehmend wird auch der Klimawandel zu einem Faktor für Mobilität. Eritrea, das stark von Dürren betroffen ist, versucht durch Wasser- und Bodenschutzmaßnahmen gegenzusteuern. Doch wenn die landwirtschaftliche Lebensgrundlage schwindet und gleichzeitig die politische Unterdrückung anhält, wird der Migrationsdruck weiter steigen. Die IOM (Internationale Organisation für Migration) betont, dass Klimamigration in Afrika als integraler Bestandteil der Anpassungsstrategie gesehen werden muss, fordert aber auch stärkere Unterstützung für die Resilienz der Gemeinschaften vor Ort.

Integration als Daueraufgabe

In den Aufnahmeländern wie der Schweiz wird die Integration langfristig lebender Eritreer zunehmend unter dem Aspekt des "Belonging" (Zugehörigkeit) erforscht. Es geht nicht mehr nur um den Zugang zum Arbeitsmarkt, sondern um die Frage, wie Migranten ihre Identität zwischen verschiedenen kulturellen Welten navigieren. Projekte wie "TabuTalks" versuchen, innerhalb der Gemeinschaft über schwierige Themen wie Generationenkonflikte und Geschlechterrollen zu sprechen, um die soziale Integration zu stärken.

Zukünftige Trends der eritreischen Migration Erwartete Entwicklung Implikationen für die Politik
Zweitgeneration-Engagement Suche nach neuen Wegen der Identitätsfindung jenseits des Regimes.

Bedarf an kulturell sensiblen Integrationsangeboten.

Regionale Instabilität Fortgesetzte Flucht aus Lagern in Sudan/Äthiopien aufgrund von Kriegen.

Notwendigkeit für humanitäre Korridore und Schutz.

Digitale Transnationalität Nutzung sozialer Medien zur politischen Mobilisierung und Überwachung.

Herausforderung für den Schutz vor grenzüberschreitender Repression.

Rückkehrfragen Debatte über die Abschiebung abgewiesener Asylsuchender.

Konfliktpotenzial zwischen nationalem Recht und Völkerrechten.

 

Fazit

Die eritreischen Migrationserzählungen sind Zeugnisse einer Epoche, in der Nationalstaaten und ihre Grenzen für viele Menschen zu existenziellen Bedrohungen geworden sind. Die Flucht aus Eritrea ist eine Reaktion auf ein System, das versucht, das Individuum vollständig zu vereinnahmen. Doch in den Erzählungen von Solomon, den literarischen Welten von Sulaiman Addonia und den Erfolgen der eritreischen Radfahrer manifestiert sich eine unzerstörbare Resilienz.

Diese modernen afrikanischen Odysseen lehren uns, dass Identität nicht an einen geografischen Raum gebunden ist, sondern in der Bewegung, im Widerstand und in der Gemeinschaft ständig neu erschaffen wird. Die Kraft der eritreischen Diaspora liegt in ihrer Fähigkeit, trotz der "langen Arme" des Regimes und der Traumata der Flucht, Räume der Hoffnung und der kulturellen Würde zu bewahren. Es ist die Geschichte eines Volkes, das sich weigert, durch seine Umstände definiert zu werden, und stattdessen seine eigene Zukunft in der globalen Welt gestaltet.

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