„Wenn der Weise lacht, hat er etwas verstanden.“ (Yoruba-Sprichwort)

🐰 Shona-Folktales aus Simbabwe: Die schlauen Abenteuer von Tsuro, dem Hasen

Die schlauen Abenteuer von Tsuro, dem Hasen

Shona-Folktales aus Simbabwe

Shona-Folktales, auf ChiShona ngano genannt, gehören zu den wichtigsten kulturellen Schätzen Simbabwes. Sie werden traditionell abends im Kreis der Familie erzählt, begleitet von Liedern, Rhythmus und Fragen an die Zuhörer. Viele dieser Geschichten drehen sich um Tiere – und eines taucht immer wieder auf: Tsuro, der Hase.

Tsuro ist klein, schnell und vor allem: schlau. In den ngano trickst er größere und stärkere Tiere aus und zeigt, dass Klugheit, Kreativität und Witz oft wichtiger sind als pure Kraft. Für Kinder (und Erwachsene) der Shona-Gemeinschaft sind diese Geschichten mehr als Unterhaltung – sie vermitteln Werte, Lebensweisheiten und kulturelle Identität.

Diese Geschichten bringen afrikanische Erzähltradition ins Kinderzimmer – und machen Klugheit, Gemeinschaft und Gerechtigkeit spielerisch erfahrbar.

Wer ist Tsuro?

In Shona-Folktales ist Tsuro weit mehr als nur ein niedlicher Hase aus dem Busch. Er ist eine Symbolfigur – ähnlich wie Anansi die Spinne in westafrikanischen Geschichten.

Typische Eigenschaften von Tsuro:

  • Er ist listig und immer für einen Trick gut.
  • Er ist körperlich schwach, gleicht das aber mit Ideenreichtum aus.
  • Er widersetzt sich gerne Autoritäten und „Regeln“, oft mit einem Augenzwinkern.
  • Er gerät durch seine Tricksereien manchmal selbst in Schwierigkeiten – und lernt daraus (oder auch nicht).

Für Kinder ist Tsuro ein Identifikationsmodell: klein, scheinbar machtlos, aber trotzdem in der Lage, große Herausforderungen zu meistern. So wird spielerisch vermittelt, dass Intelligenz, Mut und Kreativität Wege eröffnen, auch wenn man nicht zu den Starken und Mächtigen gehört.

Ngano: Mehr als nur Geschichten

Ngano werden in Simbabwe traditionell mündlich weitergegeben. Eine typische Erzählszene sieht so aus: Am Abend sitzen Kinder und Erwachsene im Kreis, eine ältere Person – die Sarungano, der/die Erzähler:in – beginnt mit einer bekannten Einleitungsformel, und die Zuhörer antworten im Chor. Oft gibt es:

  • Call-and-Response-Gesänge
  • kurze Reime und Sprüche
  • kleine Rollenverteilungen („Was würdest du tun, wenn du Tsuro wärst?“)

Dabei lernen die Kinder:

  • die Sprache ChiShona und Redewendungen
  • kulturelle Normen wie Respekt, Solidarität, Gastfreundschaft
  • den Umgang mit Konflikten, Neid, Ungerechtigkeit und Gemeinschaft

Tsuro-Geschichten gehören zur Kategorie ngano dzemhuka – Tiergeschichten, in denen Tiere wie Menschen sprechen, fühlen und handeln. Sie sind ideal, um komplexe Themen kindgerecht „durch die Hintertür“ zu vermitteln.

Eine dieser Geschichten erzählen wir ausführlich in "Tsuro und Gudo teilen das Feld".

Tsuro und die Großen: Wenn der Kleine die Starken austrickst

In vielen Shona-Folktales steht Tsuro großen Tieren gegenüber: Löwe (Shumba), Elefant (Nzou), Baboon (Gudo), Hyäne (Bere) oder Hund (Mbwa). Immer wieder geht es um Macht, Ungleichheit und Gerechtigkeit.

Typische Motive:

  • Tsuro und Gudo (Hase und Pavian):
    Die beiden machen sich gemeinsam auf, Früchte oder andere Schätze zu sammeln. Gudo verlässt sich auf seine Stärke, Tsuro auf seinen Verstand. Am Ende ist es oft Tsuro, der mit der besseren Beute nach Hause geht – manchmal, weil er Gudo ausnutzt, manchmal, weil er ihn davor bewahrt, sich selbst zu schaden.
  • Tsuro und andere Tiere am Wasserloch:
    Tsuro weigert sich, bei einer Gemeinschaftsaufgabe (z.B. einem Brunnenbau) mitzuhelfen, möchte aber später trotzdem Wasser trinken. Er bedient sich Tricks, um heimlich an Wasser zu kommen. Die Moral: Wer nicht zur Gemeinschaft beiträgt, gefährdet das Gleichgewicht – und am Ende können seine Tricks gegen ihn selbst verwendet werden.

Diese Erzählungen spiegeln Erfahrungen des Alltags wider: Hierarchien im Dorf, Gerechtigkeitsfragen, die Versuchung, sich Vorteile zu erschleichen – und die Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft.

Was Kinder aus Tsuro-Geschichten lernen

Für Pädagog:innen, Eltern und Menschen, die mit Kindern arbeiten, sind Tsuro-Folktales ein ideales Werkzeug, um über Werte zu sprechen, ohne moralinsauer zu wirken.

Tsuro-Folktales sind ideal, um mit Kindern über Werte zu sprechen. Einige zentrale Botschaften:

  • Klugheit schlägt rohe Gewalt: 
    Kinder erleben, dass Nachdenken, Beobachtung und Kreativität echte Superkräfte sind.
  • Tricks haben Konsequenzen: 
    Tsuro gewinnt oft – aber nicht immer. Wenn seine Listen zu weit gehen, wird er ertappt oder muss für seinen Egoismus bezahlen. Das zeigt, dass Schlau-Sein und Fair-Sein zusammengehören.
  • Kleine können Großes bewirken: 
    Gerade in Gemeinschaften, in denen Kinder viel Respekt vor Erwachsenen und Autoritäten haben müssen, ist Tsuro eine Figur, die Mut macht: Auch die „Kleinen“ haben eine Stimme und Möglichkeiten.
  • Gemeinschaft und Solidarität: 
    In vielen Geschichten wird Tsuro vor die Wahl gestellt: nur an sich denken – oder etwas zum Wohl aller beitragen. Das lädt zu Gesprächen über Familie, Dorfgemeinschaft und heutige Gesellschaft ein.

Tsuro im modernen Kontext: Von der Feuerstelle ins Kinderzimmer

Heute werden Shona-Folktales nicht nur mündlich erzählt, sondern auch:

  • in Kinderbüchern neu aufgelegt
  • in Bilderbüchern illustriert
  • in Schulen und Bibliotheken in Simbabwe und der Diaspora genutzt
  • als Audio- oder Video-Stories aufgenommen

Für Familien in der afrikanischen Diaspora und für alle, die afrikanische Perspektiven kennenlernen möchten, sind Tsuro-Geschichten ein wunderbarer Einstieg in die Welt der Shona-Kultur. Sie schlagen eine Brücke zwischen traditioneller Erzählkultur und modernen Formaten wie Vorleseabenden, Hörspielen oder animierten Videos.

Besonders spannend ist, wie universal die Themen sind: Ein schlauer kleiner Hase, der Größere austrickst – das berührt Kinder in Harare genauso wie in Zürich oder Bern.

Wer nach afrikanischen Märchen für Kinder oder authentischen afrikanischen Kinderbüchern sucht, findet in Tsuro-Geschichten einen perfekten Einstieg in die Welt der Shona.

Ideen, wie du Tsuro-Geschichten mit Kindern nutzen kannst

Wenn du Tsuro- und andere Shona-Folktales in deinem Alltag oder Unterricht einsetzen möchtest, kannst du z.B.:

  • eine „Ngano-Abendstunde“ einführen: einmal pro Woche eine Geschichte bei Kerzenlicht, mit einem festen Eröffnungsruf und einer Antwort der Kinder
  • die Kinder nach der Geschichte fragen: „Was war klug von Tsuro? Was war unfair?“
  • die Rollen nachspielen, z.B. Tsuro, Gudo, Shumba – mit einfachen Kostümen oder Handpuppen
  • die Kinder eigene Enden erfinden lassen: „Was wäre passiert, wenn Tsuro ehrlich gewesen wäre?“
  • Tsuro-Geschichten mit anderen Trickster-Figuren (z.B. Anansi) vergleichen

So eröffnen sich Gesprächsräume über Moral, Verantwortung, Kreativität – und gleichzeitig bleibt der Spaß am Geschichtenhören im Mittelpunkt.

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