„Wenn der Weise lacht, hat er etwas verstanden.“ (Yoruba-Sprichwort)

Der geizige Viehbesitzer | Eine Fulbe-Fabel aus Kamerun über Gier und Gemeinschaft

Der geizige Viehbesitzer

Eine Fulbe-Fabel aus Kamerun über Gier und Gemeinschaft

In den mündlichen Erzähltraditionen der Fulbe (Fulani) in Kamerun verbinden sich Humor, Ironie und scharfe Gesellschaftskritik. Besonders in den sogenannten Mbooku-Performances werden menschliche Schwächen durch Tiere, Hirten und Viehbesitzer symbolisch dargestellt. Eine der bekanntesten Figuren ist der geizige Viehbesitzer – eine Figur, die bis heute als Spiegel sozialer Werte dient.

Herkunft

Diese Geschichte stammt aus den Fulbe- bzw. Mbororo-Erzähltraditionen Nordkameruns. Sie wurde über Generationen hinweg mündlich weitergegeben und oft im Rahmen von Gemeinschaftstreffen, Märkten oder abendlichen Erzählrunden vorgetragen. Mbooku-Performances kombinieren dabei Poesie, Gesang und dialogische Elemente.

Thema

Die Fabel behandelt zentrale Themen wie Geiz, soziale Verantwortung und die Bedeutung von Gemeinschaft. Sie zeigt, wie egoistisches Verhalten letztlich zu Isolation und Verlust führt – während Großzügigkeit als sozialer Reichtum gilt.

Die Fabel selbst

Es war einmal ein Viehbesitzer, dessen Herde größer war als die aller anderen im Dorf. Seine Kühe waren stark, sein Land fruchtbar, und sein Name wurde weit getragen. Doch trotz seines Reichtums war er für eines bekannt: seinen grenzenlosen Geiz.

Wenn Nachbarn um Milch baten, schüttelte er den Kopf. Wenn ein Reisender um Wasser fragte, schickte er ihn fort. Selbst seine Hirten ließ er hungern, während seine Kühe im Überfluss grasten. „Mein Besitz gehört mir allein“, sagte er oft, „wer nichts hat, hat es nicht verdient.“

Eines Tages kam eine Dürre über das Land. Die Flüsse trockneten aus, das Gras verdorrte, und selbst die stärksten Tiere begannen zu schwächeln. Die Dorfbewohner rückten zusammen, teilten ihre Vorräte und unterstützten einander.

Der geizige Viehbesitzer jedoch verschloss seine Speicher. Niemand sollte von seinem Reichtum profitieren.

Doch bald geschah das Unvermeidliche: Seine Kühe fanden kein Wasser mehr. Seine Hirten verließen ihn, zu schwach und zu enttäuscht, um zu bleiben. Als er schließlich Hilfe suchte, wandte sich das Dorf von ihm ab.

„Wer nie gibt, wird auch nichts empfangen“, sagten sie.

Allein stand er nun da, umgeben von seinem Reichtum – der ihm nichts mehr nützte.

Und so verlor er alles, nicht durch Armut, sondern durch seinen eigenen Geiz.

Moral der Geschichte

Großzügigkeit erhält die Gemeinschaft – und wer nur nimmt, wird am Ende selbst verlassen.
Oder wie ein Fulbe-Sprichwort es ausdrückt:
„Die Hand, die nie gibt, bleibt leer, wenn sie selbst empfangen will.“

Hintergrund der Geschichte

Fulani-Erzähltraditionen wie diese sind weit mehr als einfache Fabeln. Sie dienen als soziale Korrektive innerhalb der Gemeinschaft. Durch Spott und Ironie werden Fehlverhalten und moralische Verfehlungen öffentlich reflektiert – ohne direkte Konfrontation.

Die Figur des geizigen Viehbesitzers ist dabei archetypisch: In einer Kultur, in der Vieh nicht nur Reichtum, sondern auch Verantwortung bedeutet, wird Geiz als Bruch sozialer Normen gesehen.

Mbooku-Performances nutzen diese Geschichten oft in dialogischer Form – mit rhythmischen Wiederholungen, Gesang und humorvollen Wortgefechten. Das Publikum ist aktiv beteiligt, reagiert mit Zwischenrufen oder ergänzt Sprichwörter. So entsteht eine lebendige, gemeinschaftliche Form von Bildung und Unterhaltung.

Weiterführende Links

Mehr aus dem Kosmos der Fulani:

Zurück zum Blog