Éditions L'Harmattan – Ein Verlag zwischen Idealismus, Ökonomie und Krise
Die Éditions L'Harmattan, 1975 in Paris gegründet, sind heute einer der größten unabhängigen Verlage Frankreichs. Sie haben sich auf Geistes- und Sozialwissenschaften spezialisiert und einen besonderen Schwerpunkt auf Afrika und die postkoloniale Welt gelegt. Mit einem hohen Publikationsvolumen (rund 2.000 Bücher jährlich) und niedrigen Produktionskosten verfolgt der Verlag ein unkonventionelles Geschäftsmodell, das einerseits zahlreiche Nischentitel ermöglicht, andererseits aber wegen geringer Tantiemen, fehlendem Lektorat und hohen Anforderungen an die Autoren stark kritisiert wird.
Historisch wurzelt L'Harmattan in den Bewegungen der „Christian left“ und der Dritte-Welt-Solidarität, inspiriert von François Maspero und Présence africaine. Schon früh kam es zum Bruch der Gründer: Während Denis Pryen ein pragmatisches, auf Masse ausgerichtetes Modell verfolgte, gründete Robert Ageneau den Konkurrenzverlag Karthala.
Das Verlagssystem gilt als Hybrid zwischen traditionellem Verlag und Self-Publishing: Es minimiert Risiken, bietet aber kaum finanzielle Anreize für Autoren. Dennoch ist L'Harmattan eine wichtige Plattform für Doktorarbeiten, akademische Forschung und afrikanische Stimmen, die sonst kaum publiziert würden. Der Katalog umfasst über 65.000 Titel und 300 Kollektionen, darunter „Études africaines“ und „Logiques sociales“.
International verfügt der Verlag über Niederlassungen in Europa und Afrika und hat sein Portfolio durch Imprints, Buchhandlungen, die digitale Bibliothek L’Harmatheque und sogar Filmproduktionen diversifiziert.
Aktuell wird der Verlag jedoch von einer schweren internen Krise erschüttert: Ein Rechtsstreit zwischen Gründer Denis Pryen und seinem Neffen Xavier Pryen hat Ermittlungen wegen Betrugs, Machtmissbrauchs und finanzieller Unregelmäßigkeiten ausgelöst. Diese Konflikte gefährden nicht nur die Stabilität des Unternehmens, sondern auch dessen Reputation.
Fazit: L'Harmattan bleibt trotz aller Kontroversen ein unverzichtbarer Akteur im intellektuellen Diskurs der frankophonen Welt. Ob der Verlag seine Rolle als Plattform für marginalisierte Stimmen behaupten kann, hängt maßgeblich davon ab, wie er die aktuellen juristischen und familiären Konflikte übersteht.
Blog: Éditions L'Harmattan – Eine umfassende Analyse eines Verlags am Scheideweg von Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft