„Wenn der Weise lacht, hat er etwas verstanden.“ (Yoruba-Sprichwort)

Phakwe le Mokoko

Der Falke und der Hahn

Eine Fabel aus Lesotho über Vertrauen und Verantwortung

In dieser traditionellen basothischen Fabel beendet eine einzige verlorene Nadel eine Freundschaft. Zugleich erklärt die Geschichte auf poetische, sanfte und strenge Weise, warum der Hahn noch heute in der Erde scharrt, während der Falke Küken jagt. Phakwe le Mokoko erinnert daran, dass wir mit geliehenen Dingen immer auch das Vertrauen eines anderen Menschen in unseren Händen halten.

« Ba re e ne re… »
In der basothischen Erzähltradition eröffnet diese Formel die Zeit der Geschichte. Früher antworteten die Zuhörenden mit « Qooiiii! », um zu zeigen, dass sie bereit waren zuzuhören. Hören wir also zu.

Zwei Freunde, eine Nadel

Vor langer Zeit lebten in den Bergen Lesothos ein Falke und ein Hahn, die die besten Freunde der Welt waren.

Der Hahn hatte eine grosse Familie. Seine Küken wuchsen schnell heran, und die kühlen Nächte des Hochlands rückten näher. Er wollte ihnen kleine Kleidungsstücke nähen, damit sie sich vor Wind und Kälte schützen konnten.

Doch der Hahn besass keine Nadel.

Also ging er zu seinem Freund, dem Falken.

— Mein Bruder, fragte er ihn, könntest du mir deine Nadel leihen? Ich möchte Kleidung für meine Kleinen nähen.

Der Falke, der dem Hahn vertraute, gab ihm seine Nadel ohne Zögern.

— Pass gut auf sie auf, sagte er nur. Sie ist klein, aber sie ist mir wertvoll.

Der Hahn bedankte sich bei seinem Freund und ging mit der Nadel nach Hause. Er begann zu arbeiten: Stich für Stich bereitete er Kleidung für seine Küken vor. Doch abgelenkt vom Lärm des Hofes, vom Spiel der Kleinen und von den Aufgaben des Tages legte er die Nadel achtlos irgendwo hin.

Als er mit dem Nähen weitermachen wollte, war die Nadel verschwunden.

Der Hahn suchte unter dem Gras, zwischen den Steinen und in der Nähe seines Nests. Er scharrte in der Erde, durchwühlte den Staub und rief seine Küken zur Hilfe. Doch alles war vergeblich: Die Nadel blieb unauffindbar.

Der Preis eines vergessenen Versprechens

Einige Tage später kam der Falke zurück, um sich das Ausgeliehene wiederzuholen.

— Mein Freund, fragte er, kannst du mir meine Nadel zurückgeben?

Der Hahn senkte den Kopf.

— Es tut mir leid. Ich habe sie verloren.

Der Falke war tief verletzt. Nicht nur eine Nadel war verschwunden: Der Hahn hatte auch die Sorgfalt vermissen lassen, die er der Freundschaft, seinem gegebenen Wort und dem ihm anvertrauten Eigentum schuldete.

— Du hast meine Nadel verloren, antwortete der Falke. Weil du sie mir nicht zurückgeben kannst, nehme ich deine Küken als Entschädigung.

Seit diesem Tag, so erzählt die Fabel, scharrt der Hahn unablässig im Boden nach der verlorenen Nadel. Und der Falke kreist am Himmel und stürzt sich auf Küken.

So hat ein kleiner verlorener Gegenstand eine dauerhafte Spur in der Welt der Tiere hinterlassen.

Eine basothische Fabel, ein lebendiges Gedächtnis

Diese Geschichte gehört zur Welt der mündlich überlieferten Erzählungen in Sesotho, einer der am weitesten verbreiteten Sprachen Lesothos. Märchen, Sprichwörter, Lieder, Rätsel und überlieferte Geschichten nehmen im kulturellen Erbe der Basotho einen zentralen Platz ein. Sie unterhalten, vermitteln aber zugleich Regeln für das Leben in der Gemeinschaft. Lange Zeit wurden sie vor allem von älteren Menschen weitergegeben, insbesondere bei abendlichen Zusammenkünften. Je nach Stimme der erzählenden Person können sich einzelne Details verändern, während der moralische Kern der Geschichte bestehen bleibt.

Die Erzählung Mokoko le Phakwe – « Der Hahn und der Falke » – wurde auch an der University of the Free State in Südafrika wissenschaftlich untersucht. Die Forschung zeigt, dass Sesotho-Märchen nicht einfach alte Geschichten sind: Sie helfen noch heute dabei, soziale und wirtschaftliche Situationen der Gegenwart zu verstehen.

In afrikanischen mündlichen Erzähltraditionen sind Tiere deshalb nicht nur unterhaltsame Figuren. Sie machen menschliche Verhaltensweisen sichtbar: Grosszügigkeit, Unachtsamkeit, Wut, Respekt, Schuld, Loyalität oder den Missbrauch von Vertrauen.

Quellen und weiterführende Hinweise

Diese Erzählung gehört zur reichen mündlichen Tradition der Basotho in Lesotho. Wie bei jeder mündlich überlieferten Geschichte kann es unterschiedliche Fassungen, Namensvarianten und Deutungen geben – abhängig von den Erzählerinnen, Erzählern und Gemeinschaften, die sie weitertragen.

Hinweis: Traditionelle Märchen sind Werke kollektiver Überlieferung. Diese deutsche Bearbeitung orientiert sich an der basothischen Erzählung Phakwe le Mokoko und möchte eine mündliche Tradition aus Lesotho einem deutschsprachigen Publikum zugänglich machen.

Was lehrt uns der Hahn?

Die Moral scheint einfach: Man soll sorgfältig mit den Dingen anderer umgehen. Doch die Fabel geht weiter.

  • Etwas auszuleihen bedeutet Verantwortung zu übernehmen. Ein geliehener Gegenstand ist nicht bedeutungslos, auch wenn er noch so klein ist.
  • Vertrauen entsteht leicht, kann aber in einem Augenblick verloren gehen. Der Falke hatte seine Nadel verliehen, weil er seinen Freund für vertrauenswürdig hielt.
  • Unachtsamkeit kann langfristige Folgen haben. Der Hahn verliert nicht nur eine Nadel: Er verliert den Frieden in seinem Zuhause und die Freundschaft mit dem Falken.
  • Wiedergutmachung ist wichtig. Wer einen Fehler macht, sollte nach einer gerechten Lösung suchen, bevor sich ein Konflikt verhärtet.
  • Auch Wut kann über das Ziel hinausschiessen. Die Reaktion des Falken ist grausam und erinnert daran, dass fehlender Dialog aus einem Vorfall einen dauerhaften Bruch machen kann.

Die Geschichte lädt uns deshalb dazu ein, über zwei Formen von Verantwortung nachzudenken: über die Verantwortung des Hahns, der nicht auf das achtete, was ihm anvertraut worden war, und über die Verantwortung des Falken, dessen Rache unverhältnismässig wird.

Eine Geschichte für heute

Diese Fabel aus Lesotho spricht auch zu unserer Zeit. Eine Nadel kann zu einem ausgeliehenen Buch werden, zu einem Lieferversprechen, zu einem Arbeitsgerät, zu einem anvertrauten Geheimnis oder zu einer Zusage gegenüber einem anderen Menschen.

Stellen wir uns vor: Jemand leiht sich von einer Freundin ein seltenes Buch aus und lässt es im Regen liegen. Das Buch wird beschädigt, doch der Verlust beschränkt sich nicht auf seinen materiellen Wert. Missachtet wurde auch das Vertrauen, das mit dem Ausleihen verbunden war. Sich zu entschuldigen, das Buch zu ersetzen oder eine faire Form der Wiedergutmachung zu finden, kann verhindern, dass die Freundschaft – wie jene von Hahn und Falke – zu einer Geschichte des Grolls wird.

Basothische Erzählungen zeigen, dass mündliche Literatur über Verantwortung, soziale Beziehungen und den respektvollen Umgang mit der lebendigen Welt auch heute noch nachdenken lässt. Neuere Forschungen zur Sesotho-Literatur weisen zudem darauf hin, dass mündliche und schriftliche Traditionen Lesothos helfen können, gegenwärtige Fragen zu verstehen – insbesondere das Verhältnis zwischen Mensch, Natur und biologischer Vielfalt.

Der Hahn scharrt weiter in der Erde. Der Falke kreist weiter am Himmel. Und wir: Was tun wir mit dem, was uns anvertraut wird?

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